Kommunizierende Wissenschaft? Wie und Wozu?

Ein Fachgespräch über die Fährnisse der Transdisziplinarität

25.10. 2012, Eberswalde

In den letzten Jahren hat die Erwartung an Wissenschaftler, ihre Ergebnisse durch Transfer, Öffentlichkeitsarbeit und die Teilnahme an gesellschaftlichen Diskursen zu vermitteln, zugenommen.  Wissenschaft ist nicht nur Teil von Kommunikation, sie soll selbst aktiv Kommunikation gestalten. Auf der Basis dieses Anspruchs sind vielfältige Instrumente und Methoden gewachsen, derer sich die Umweltwissenschaft bedient.

Auch die Arbeit des Netzwerks INKA BB ist stark auf Kommunikation angewiesen und ausgerichtet. Vor diesem Hintergrund sollten die gemachten Erfahrungen durch Umweltwissenschaftler verschiedener Disziplinen ausgewertet und die mit dieser Arbeit einher gehenden Voraussetzungen reflektiert werden.Das Fachgespräch wurde als Session auf der Jahrestagung der IALE-D vom 24.-26. Oktober 2012 in Eberswalde veranstaltet. Als Referenten trafen zusammen:

  • Dr. Melanie Kröger (Politische Wissenschaft, ElaN/ Nachhaltiges Landmanagement),
  • Stefan Roetzel (Systemdesign, KLIMZUG, Uni Kassel)
  • Frank Sondershaus (Soziologie/ Geographie, INKA BB)
  • Dr. Kenneth Anders (Kulturwissenschaft, INKA BB)
  • Lars Fischer (Kulturwissenschaft, INKA BB)

Im Folgenden werden die wesentlichen Aussagen der Referenten im Hinblick auf die Fragestellung des Fachgesprächs knapp wiedergegeben, anschließend wird eine Zusammenfassung der Gesprächsergebnisse versucht.

Melanie Kröger fokussierte das Problem der kommunizierenden Wissenschaft vor allem in der Transdisziplinarität. Die hier erforderliche Integration unterschiedlicher Wissensformen sei nur über eine strukturierte und kontinuierliche Arbeit möglich.  Schon zwischen den beteiligten Wissenschaftlern ist dieser Umstand nicht trivial: Alle Mitwirkenden müssen ihre jeweiligen Wissensformen auch gegenseitig als solche akzeptieren. Für die Integration des Wissens muss eine allgemeine Anschlussfähigkeit hergestellt werden, die allerdings meist mit Vereinfachungen einhergeht, so dass ein Gefälle zur hochorganisierten disziplinären Wissenschaft entsteht, hier entsteht ein Balanceproblem. Geht man nun über den wissenschaftlichen Bereich hinaus auf die Arbeit mit Partnern in Praxis und Verwaltung, multiplizieren sich die Herausforderungen: unterschiedliches Vorwissen, ungleiche Ressourcen und ein je spezifischer Einfluss auf die Praxis stiften von vornherein Asymmetrie. Dazu können Regionen, die mehrfach zum Objekt wissenschaftlichen Interesses geworden sind, auch durch „Überforschung“ ermüden. Nicht zuletzt bewegt sich die Wissenschaft durch die Interdisziplinarität auch zwischen legitimierten (also über Proporz und Mandat bestimmten) und nicht legitimierten (aber in der Landschaft relevanten) Praxispartnern. Hinzu kommt der hohe Zeitaufwand für interdisziplinäre Prozesse, die von den Beteiligten eine hohe Bereitschaft verlangen, ihre eigenen Perspektiven zu relativieren. Ob ein transdisziplinärer Prozess erfolgreich war, ist schwer messbar und oft nur über langfristige Beobachtungen zu ermitteln. Da zugleich aber Politik und Praxis an konkreten Ergebnissen interessiert sind, forderte Kröger eine veränderte Wissenschaftskultur, die den beschriebenen Arbeitsweisen gerecht wird.

Stefan Rötzel systematisierte die Herausforderungen an die kommunizierenden Wissenschaften unter dem Leitmotiv „Wissenschaft-Praxis-Interaktion“. Zwar sei der Auftrag des Transfers wissenschaftlicher Erkenntnisse zunächst einleuchtend formuliert, dieser führe aber leicht in verschiedene Dysfunktionalitäten. Zum Beispiel impliziere der Transfergedanke oftmals ein Verhältnis von Experten und Laien – die einen verfügen demnach über Wissen, die anderen sollen es annehmen und umsetzen. Damit ist von vornherein keineArbeit„auf Augenhöhe“ gewährleistet. Organisatorisch-institutionelle und sprachliche Inkompatibilitäten sowie verschiedene Interessen und Erwartungshaltungen sind demnach zu berücksichtigen. Auch führen die unterschiedlichen zeitlichen Handlungshorizonte mitunter zu völlig verschiedenen Bindungen der Akteure an ihren Gegenstand. Gegenseitiges Verstehen und Informieren sind vor diesem Hintergrund keine wünschenswerten Tugenden sondern konkrete Arbeitsschritte, die geplant und methodisch untersetzt werden müssen, wobei deutlich wurde, dass die hier jeweils zu nutzenden Arbeitsweisen kritisch in Bezug auf die zu erzielenden Resultate (Information, Ermittlung gemeinsamer Ziele oder sogar die Erhöhung von Handlungskompetenz) geprüft werden müssen.

Frank Sondershaus ordnete die transdisziplinäre Forschung in die heutige Wissenschaftslandschaft ein und wagte eine kritische Reflexion auf die Erwartungen der großen forschungspolitischen Förderschwerpunkte, innerhalb derer die meisten Umweltforschungsverbünde der letzten Jahre agiert haben. Hier seien großen Erwartungen in Transdisziplinarität gesetzt worden und entsprechend erlangten die transdisziplinären Arbeitsweisen allein quantitativ einen enormen Bedeutungszuwachs gegenüber den klassischen disziplinären Ansätzen. Die damit verbundenen methodischen und normativen Implikationen gilt es nun „für die Rolle des einzelnen Wissenschaftlers sowie der Wissenschaft an sich theoretisch und praktisch zu reflektieren“. Für dieses Unterfangen griff Sondershaus auf Luhmanns „Die Wissenschaft der Gesellschaft“ (1992) zurück. Die Systemtheorie bietet einen geeigneten Rahmen, um insbesondere Grenzen und strukturelle Probleme transdisziplinären wissenschaftlichen Arbeitens zu. Diese theoriegeleitete Diskussion kontrastierte Sondershaus direkt mit den zentralen Ansprüchen der jüngeren Forschungsprogramme, so dass sich eine Reihe prägnanter Schlüsse ergab: Der Anspruch, für und mit Zielgruppen zu forschen, verlange es, die Werte, Normen und Interessenvon Akteuren zu berücksichtigen sowie wissenschaftliches Wissen und Forschungsergebnisse vereinfacht zu kommunizieren. Zugleich aber steige die Bedeutung der Sicherheit des generierten wissenschaftlichen Wissens durch die Anforderung der Implementierung in politisch/administrative oder technische Entscheidungsprozesse. Dies führt angesichts der gleichzeitig wachsenden Unsicherheiten zwangsläufig zu Konflikten, in deren Folge die Wissenschaft einen Autoritätsverlust erleidet. Das politische Teilsystem ist gerade im Interesse der Unsicherheitsreduktion mehr an Daten als an Entscheidungsvorschlägen interessiert. Die Distanz zum Untersuchungsgegenstand als konstituierendes Moment jeder wissenschaftlichen Theorie gerät in transdisziplinären Projekten stark unter Druck, die wissenschaftliche Arbeit ist zunehmend „untertheoretisiert“ und wird dadurch episodisch auf die jeweiligen Projekte beschränkt. Insofern kommt Sondershaus zu einer kritischen Bilanz: Der Anspruch, Gesellschaft durch Wissenschaft zu Steuern oder gar zu ‚therapieren‘, sei letztlich nicht erfüllbar. Halte man an ihm fest, schwäche man eben den Beitrag, den die Wissenschaften für die Gesellschaft leisten können.

Lars Fischer beschrieb am Beispiel der Landschaftswerkstatt Wasser Uckermark-Barnim einen methodischen Weg, das Thema klimaadaptiver Handlungsoptionen zum Teil des regionalen kulturlandschaftlichen Diskurses zu machen. Mit Befragungen und deren Auswertungen durch hermeneutische Protokolle sowie auf der Basis einer umfangreichen regionalgeschichtlichen Bestandsaufnahme sowie einer Diskursanalyse wird zunächst ein reiches Verständnis der regionalen Praxis sowie des Diskurses zu den betreffenden Themen erarbeitet. Dabei wurde sichtbar, dass eine Kommunikation über Anpassung an Klimaveränderungen nur im Kontext der jeweiligen diskursiven Rahmungen sowie der jeweiligen landnutzungsspezifischen Herausforderungen Aussicht auf Geltung gewinnen kann. In Form einer Ausstellung wurden diese Rahmenbedingungen den Bewohnern und Nutzern des betroffenen Landschaftsraumes vorgestellt. Dabei geht die Landschaftswerkstatt von einem sehr engen Raumbezug schrittweise in den größeren Raumbezug der Planungsregion Uckermark-Barnim über. Hierfür werden Fachgespräche und öffentliche Veranstaltung entlang zentraler Themen der Landschaftsentwicklung genutzt (Landschaftswasserhaushalt, Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Siedlungswasserhaushalt, Naturschutz). Eine Vielfalt der Medien und Ausdrucksmittel (Sommerschulen, Pleinaire, Lesungen) ist für die Arbeit ebenso prägend wie die immer wieder neu sich konstituierende kritische, Konflikte und offene Fragen gezielt herausarbeitende Arbeitsweise. Denn bei einer Landschaftswerkstatt steht nicht die Übermittlung vermeintlich richtiger Botschaften im Mittepunkt, sondern eine Stärkung und Qualifizierung des öffentlichen Diskurses mit einem entsprechenden thematischen Bezug. Eine auf seine realistischen Ziele ausgerichtete Diskursinitiative der Wissenschaft kann so ein gelingendes transdisziplinäres Unterfangen sein, wobei allerdings bislang (leider) gerade der Anteil der Wissenschaft(ler) am stattfindenden Kommunikationsprozess sowie das institutionelle Interesse der Wissenschaft an den dabei erzielten Ergebnissen proportional relativ gering ausfällt.

Kenneth Anders untersuchte – ebenfalls im Rückgriff auf Niklas Luhmann –verschiedene Kommunikationsanstrengungen der Wissenschaft zur gesellschaftlichen Geltendmachung von Ökosystemdienstleistungen. Grundsätzlich kam er dabei zu ähnlichen Ergebnissen wie Sondershaus, wonach der vielerorts zu beobachtende Verzicht auf das zentrale Kommunikationsmedium der Wissenschaft (wahr/falsch) sowohl zu Qualitätsverlusten als auch zu einer Verfehlung der selbst gesteckten Ziele führt. Kommunikation ist die Voraussetzung dafür, dass „Ökosystemdienstleistungen“ geltend gemacht werden können, sie ist aber nur begrenzt gestaltbar. Der Begriff der „Ökosystemdienstleistungen“ versammelt dabei in kommunikativer Absicht verschiedene Prozesse in Ökosystemen und Landschaften, die bisher nicht befriedigend miteinander verknüpft sind, was letztlich in der Kommunikation Verwirrung stiftet. Es ist bezeichnend, dass in den Wissenschaften die hiermit verbundenen Probleme nicht verhandelt werden. Politik und Markt können Kommunikation nicht ersetzen, sie sind vielmehr selbst durch Kommunikation gesellschaftlich ausdifferenzierte Teilsysteme. Es gibt Ansätze in den Umweltwissenschaften, sich der Medien dieser Systeme zu bedienen, was erhebliche Veränderungen im Selbstverständnis von Wissenschaft erfordert, für die es bisher keine hinreichenden Begründungen gibt.Im Anspruch, Kommunikation trotzdem zu gestalten, haben sich im Kontext der Nachhaltigkeitskommunikation verschiedene Schulen und Ansätze gebildet. Dabei ist der klassische Wissenstransfer heute oft als Populärwissenschaft verpönt. Die hier zu Gebote stehenden Mittel erlauben aber eine präzise Bereitstellung wissenschaftlicher Ergebnisse für die außerwissenschaftliche Kommunikation und sollten deshalb weiterhin genutzt werden. Transdisziplinärer Wissenstransfer kann durchaus als ein lohnendes Unterfangen konzipiert werden, verlangt aber von den Umweltwissenschaften eine Preisgabe ihres monopolisierten Wissensbegriffs im Dienste der Kommunikation eines anderen Systems. Social Marketing und zielgruppenspezifische Strategien sollten ebenfalls in Bezug auf ihre Reichweite kritisch überprüft werden. Ihr Kerngeschäft sind Konsummuster und Verhaltensformen, die konsumnah sind (z.B. die Hinnahme von Gesetzen und gesellschaftlichen Praktiken). Kampagnen können wirksam genutzt werden, repräsentieren aber letztlich eher eine Dienst leistende Institution als eine „Ökosystemdienstleistung“. Im Kontext der Bildung für nachhaltige Entwicklung dominieren globale Perspektiven,eine Kommunikation über einzelne „Ökosystemdienstleistungen“ und ihr Verhältnis zueinander wird eher im Kontext der landschaftspolitischen Bildung gelingen. Lokale, regionale und gesellschaftliche Diskurse lassen sich nur schwer miteinander verknüpfen, da sie jeweils verschiedene Umwelten konstituieren und verschiedene Themen etablieren. Anstelle der Frage: „Welche Zielgruppe will ich ansprechen?“ ist es für Kommunikation vielversprechender, zu fragen: „Welche Öffentlichkeit will ich ansprechen, d.h. innerhalb welcher Themen will ich Beiträge platzieren, die kommuniziert werden?“

Die Beiträge der Session offenbarten, wie auch die anschließende Diskussion, eine vorsichtige, teilweise skeptische Beurteilung des allgemeinen Trends der Umweltwissenschaften zum sogenannten „Change Management“. Während einige Teilnehmer das ganze gegenwärtig etablierte Anforderungsprofil im Kontext der Transdisziplinarität grundsätzlich als gewagtes und mangelhaft begründetes Unterfangen diskutierten, orientierten andere eher auf eine zwar bereitwillige, dafür aber deutlich bescheidenere und umsichtige Ausrichtung der transdisziplinären wissenschaftlichen Arbeit. Dabei traten zuletzt auch drei verschiedene mögliche Positionen der Wissenschaftler in den Blick, die diese in transdisziplinären Prozessen einnehmen können:

  • Vorausgesetzt, es gibt diskursiv verankerte und somit öffentlich sichtbare Konflikte in der Landschafts- und Regionalentwicklung, können Wissenschaftler als Modertoren auftreten, die die verschiedenen Ansprüche an den Raum miteinander verknüpfen und daraus Handlungsoptionen ableiten. Verbunden hiermit ist oft die Suche nach politischen Anschlussmöglichkeiten, konkret das Filtern von Entscheidungsträgern, was in der Konsequenz dem transdisziplinären (also letztlich demokratischen) Wissensgrundsatz widerspricht.
  • Man kann auch den Schwerpunkt auf eine andere Funktion legen, die stärker in der ordnenden und kritischen Gewichtung von Wissen, Sprache und Aussage steht. Wissenschaftler brauchen aber zur Ausübung dieser Funktion eine starke Unabhängigkeit, agieren also einerseits engagiert, andererseits autonom. Hiermit wird letztlich der transdisziplinäre Anspruch letztlich zurückgenommen.

Eine Verknüpfung der moderierenden und ordnenden Strategie ist aus der Sicht des Autors nur in der Beschränkung auf die diskursiven Spielräume möglich, also bei einer Ausrichtung der Wissenschaft auf die Kommunikation selbst (anstelle einer Nutzung der Kommunikation als Mittel zur Erreichung anderer Ziele). In diesem Falle kann die Wissenschaft sowohl einen konstruktiven (den Diskurs durch einzelne Beiträge qualifizierenden) als auch einen ordnenden (den Diskurs durch die Verortung und Bewertung von Argumenten strukturierenden) Beitrag leisten.

Eine wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung über die Chancen der „kommunizierenden Wissenschaft“ findet heute nicht im großen Rahmen statt. Umso wertvoller ist der Erfahrungsaustausch bei der hier kurz skizzierten IALE-Session zu bewerten. Er hat in Bezug auf die realistisch zu erwartenden Erfolge der eigenen Arbeit innerhalb transdisziplinärer Verbünde eine höhere Klarheit und genauere Reflexion ermöglicht und sollte in anderen Zusammenhängen fortgesetzt werden.

16.1. 2013 Kenneth Anders

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