Archiv für die Kategorie „Kunst und Landschaft“

Grund und Boden: Fundamente einer Landschaft

Donnerstag, 12. April 2012

Interdisziplinäres Landschaftspleinair, 9. – 15. Juli 2011 • Oderbruch

Veranstalter:
Akademie für Landschaftskommunikation e.V.
www.oderbruchpavillon.de

unterstützt durch:

IALE – D (International Association for Landscape Ecology, Sektion Deutschland)

Boden Nährstoff Schadstoff Erde bodenlos
Bodenreform bodenständig Schweiß Pflug
Bodenbörse Fläche Spekulation Fäulnis Zersetzung
Humus Bodenschatz Minen Bodengüte Wurzeln
Besitz Feuchtigkeit Fruchtbarkeit Fruchtfolge Ertrag
Geschichte Pacht Mineralisierung Devastierung
Degeneration Ackerzahl schwer leicht fett
Versiegelung Melioration Segen Salz Schichten Gülle
Flur Krume Scholle Poren Kapillaren Bodenhaftung
Struktur Aufbau Ansprache Regenwürmer Profil
pH-Wert Dreck Leben Blut Grundwasser Horizont

Das Thema:
Grund und Boden sind die Fundamente jeder Landschaft. Sie ermöglichen das Leben im Naturraum und geben die Spielräume für seine Nutzung vor. Auf dem Boden wird gebaut, er ist Eigentum und Gegenstand harter Auseinandersetzungen über seine Bewirtschaftung. Eine Vielzahl an kulturellen Perspektiven ist deshalb auf den Boden gerichtet. Auch in Fachkreisen ist die Bedeutung des Bodens bekannt und viele Ökologen gehen davon aus, dass die weltweite Vernichtung fruchtbarer Böden eine der größten Gefahren der Zukunft darstellt. Gleichwohl wird der Boden im politischen Diskurs seit Jahrzehnten nur wenig beachtet. Das liegt vor allem daran, dass die interessanten Dinge an diesem Thema so schlecht wahrzunehmen sind: Weder das Bodenleben noch die an Grund und Fläche geknüpften Interessen sind für die menschlichen Sinne leicht zu erkennen. Ziel des Pleinairs ist es daher, einige der zentralen Fragen, die mit dem Boden verküpft sind, zu thematisieren, sie sicht- und hörbar zu machen.

Arbeitsweise:
16 Künstler, Ökologen, Kulturwissenschaftler, Planer und Landschaftsbauer arbeiten gemeinsam im Oderbruch an der Vielfalt der Perspektiven zum Thema Grund und Boden. Verschiedenste Materialien, Daten und Informationen werden genutzt und verknüpft.
Die Ergebnisse werden auf einem Stück Ackerland im Oderbruch in Form einer Freiluftinstallation gestaltet und öffentlich präsentiert.

Teilnehmer:
Dr. Kenneth Anders | Landschaftskommunikation | Oderbruch
Lars Fischer | Landschaftskommunikation | Eberswalde
Jens Kleber | Garten- und Landschaftsarchitektur | Berlin
Anne Kulozik | Landschaftsentwicklung | Osnabrück
Helmut Lemke | sound art | Lancashire, GB
Prof. Dr. Roman Lenz | Landschaftsökologie | Nürtingen
Prof. Dr. Felix Müller | Landschaftsökologie | Kiel
Kerry Morrison | Environmental Art | Lancashire, GB
Antje Scholz | Installation, Grafik, Malerei | Oderbruch
Klaus Scholz | Wasser- und Landschaftsbau | Oderbruch
Prof. Dr. Uta Steinhardt | Landschaftsökologie | Eberswalde
Prof. Verone Stillger | Landschaftsplanung | Osnabrück
Almut Undisz | Landschaftskommunikation | Oderbruch
Prof. Hubertus v. Dressler | Landschaftsplanung | Osnabrück
Christiane Wartenberg | Rauminstallation | Oderbruch
Prof. Dr. Hubert Wiggering | Landschaftsökologie | Müncheberg

Den Rahmen
des Pleinairs bildet der Oderbruchpavillon, eine seit 2004 realisierte Landschaftswerkstatt, in der Methoden der Landschaftskommunikation exemplarisch für die
Regionalentwicklung erprobt werden. Die Ergebnisse des Pleinairs werden im Oderbruchpavillon dokumentiert.

Kontakt: k.anders@oderbruchpavillon.de

Warum die Landschaftsökologie eine Kunst braucht

Dienstag, 15. Februar 2011

Einführung zum künstlerischen Rahmenprogramm bei der 10. Jahrestagung der IALE-D

Vor einigen Jahren hörte ich auf einer Tagung einen landschaftsökologischen Vortrag. Der Referent sprach über sein disziplinäres Selbstverständnis. Die Landschaftsökologie, so führte er aus, müsse landschaftliches Steuerungswissen entwickeln. Sie könne als Wissenschaft nicht vorwegnehmen, welche Werturteile von der Gesellschaft gefällt würden, stattdessen sollte sie damit vorlieb nehmen, die Instrumente bereitzustellen, mit denen die normativen Entscheidungen der Gesellschaft nachher umgesetzt werden könnten. Hier die bewertende, dort die technologische Arbeit. Dass Landschaft auch ein analytisches und ein hermeneutisches Problem darstellt, ließ er gleich weg. Stattdessen reduzierte er das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft auf ein einfaches Bild: Die Landschaft sei ein Flugzeug, die Wissenschaft baue den Steuerknüppel und schreibe die dazu gehörige Gebrauchsanweisung, die Gesellschaft stelle den Piloten, und bei diesem handelt es sich um einen Politiker.

Nun hat schon Arthur Schopenhauer die Wahl eines schwachen Gegners als eristischen Kunstgriff enttarnt, zu dessen Gebrauch auch ich mich hiermit bekenne. Zugegeben: Die meisten Landschaftsökologen würden das Bild von Flugzeug, Pilot und Steuerknüppel lieber nicht gebrauchen, weil es ihnen dann doch offenkundig zu simpel ist. Aber es kann doch auch kein Zweifel daran bestehen, dass mit dem Verhältnis der Umweltwissenschaften (um den Kreis der hier gemeinten Disziplinen gleich etwas zu erweitern) zur Gesellschaft einiges im Argen ist.

Da ist auf der einen Seite die tiefe Prägung der ökologischen Wissenschaft durch die Ökologiebewegung, die sie mit einem großen normativen Gepäck ausgestattet hat. Über diese Bindung und die damit impliziten Werturteile wird zu wenig reflektiert. Dieses Defizit hat lange Zeit dafür gesorgt, dass Teile der Landschaftsökologie als Dienstleister des Naturschutzes auch den Fragestellungen und Ideologien der Naturschützer gefolgt sind und entsprechende blinde Flecken übernommen haben – etwa die völlig unzureichende Auseinandersetzung mit der praktizierten Landnutzung sowie der Abiotik und die damit einhergehende Fokussierung auf den Arten- und Biotopschutz.

Dann finden wir eine große Abhängigkeit der Umweltwissenschaften überhaupt von der Politik. Sie werden immer stärker als angewandte Wissenschaft wahrgenommen, ohne das die damit verbundenen Konsequenzen gezogen werden. Nur wenige haben sich in die Grundlagenforschung retten können, die meisten sind heute auf Förderstrukturen angewiesen, in denen die oben erwähnten normativen Entscheidungen längst vorweggenommen sind und von der Wissenschaft befolgt werden müssen. Das bedeutet, um im obigen Bild zu bleiben: Die Politik verlangt gar keinen universalen Steuerknüppel, mit dem man in alle Richtungen lenken kann. Sie gibt vielmehr vor, dass ein Steuerknüppel zu entwickeln ist, mit dem man nur in eine bereits vorher festgelegte Richtung fliegen kann. Indem die Geldgeber zusammen mit Sachverständigen definieren, auf welche Weise politische Konzepte wie Biodiversität oder Nachhaltigkeit gebraucht werden sollen, berauben sie die Forschung der Freiheit, diese Begriffe in einem eigenen kritischen Gebrach zu schärfen. Das kann für eine Wissenschaft auf Dauer nicht gut sein. Ich würde sogar behaupten: Wenn sich die Vertreter eines Fachs zu lange eine solche Zumutung gefallen lassen, erleben sie den Niedergang ihres Faches noch vor ihrer Verrentung.

Und schließlich erleben wir immer wieder das oben schon angedeutete und weit verbreitete Versprechen von Wissenschaftlern, sie könnten mit Forschungsmethoden Steuerungsprobleme in der Landschaft lösen. Man sollte so etwas nicht ausschließen, aber in meiner – zugegeben erst zehnjährigen – Erfahrung mit den Umweltwissenschaften handelte es sich dabei meistens um maßlose Übertreibungen, die allerdings gern von der Politik gehört wurden. Das mechanistische Versprechen des Steuerknüppels hat im Verlaufe der Jahre in der Politik eine immer naivere Vorstellung von dem gefördert, was eigentlich Umweltwissenschaften leisten können und sollen. Die Folgen sind in meinen Augen verheerend. Das aufklärerische  Mandat wurde diesen Disziplinen geradezu entzogen. Sozial-, Kommunikations- und Kulturwissenschaften werden zusehends als Agenturen für Public Relations missverstanden. Über Generationen erarbeitete Standards guter fachlicher Praxis in der Landnutzung werden immer weniger vermittelt und gehütet. Und, was in meinen Augen das Schlimmste ist: Das Versprechen eines unmittelbar nützlichen Steuerungswissens schwächt auf Dauer die Wissenschaftler selbst, nicht nur moralisch, sondern auch intellektuell. Denn wer einmal wissentlich etwas Falsches sagt, lügt. Wer es aber hundertmal sagt, glaubt am Ende selbst daran. So etwas ist nur möglich, indem man das eigene Reflexionsniveau senkt. Auf diese Weise verkommen methodische Apparate zu selbstreferentiellen Sprachspielen, die nach und nach das selbständige Denken und Wahrnehmen verschlingen: Datenbanken und Modelle, die um ihrer selbst willen gefüttert werden wollen, Befragungen, die an spezialisierte Institute outgesourct werden müssen, weil es für die Bearbeiter selbst unzumutbar geworden ist, sie selbst am Probanden durchzuführen, Szenarien, denen jede Plausibilität fehlt, die dafür aber bis auf die zehnte Stelle hinter dem Komma durchgerechnet worden sind.

Die Landschaft ist das Habitat des Menschen – durch Menschen geformter, aber in seiner Wirklichkeit nicht intendierter Raum, angeeignete Natur, hinter unserem Rücken gewachsene Struktur. Landschaft hat eine Eigendynamik und wesensmäßig kann sie keine einzelne Steuerungsinstitution aufweisen – denn als Landschaft bezeichnen wir keine Fläche von wenigen Quadratmetern im Besitz eines einzelnen Eigentümers. Landschaft ist geteilter Raum und dadurch komplex. Interdependente Handlungen und Rahmenbedingungen, die außerhalb des jeweiligen Raumgefüges liegen machen es unmöglich, einen Steuerungsknüppel zu installieren. Was wir haben sind vielleicht Spielräume und kleine Stellschrauben – aber sie müssen auch von den richtigen Leuten mit den richtigen Intentionen genutzt werden, wenn die Wissenschaft einen Einfluss auf die Landschaft haben will.

Die Landschaft als Kulturlandschaft steuerbar zu machen, sie als bewusst gestalteten Raum zu begreifen und zu entwickeln, ist eine Vision des 19. Jahrhunderts, denen wir Disziplinen wie etwa die Landschaftsplanung und auch die Blüte der Landschaftsökologie verdanken. Diese Vision hat sehr viel Gutes hervorgebracht: Wirkliches, fein aufgelöstes Wissen von der Funktionsweise vieler Ökosysteme, eine differenzierte Kenntnis der Folgen menschlichen Handelns in der Natur, außerdem planerische Ausgleichsmechanismen, die dem Wildwuchs des Naturverbrauchs hier und da etwas entgegensetzen können. Ich bin der Überzeugung, dass wir an der Vision einer gesteuerten Landschaftsentwicklung unbedingt festhalten müssen – und dass sich dieser Anspruch nur im Prinzip der Selbstorganisation von Handlungsräumen realisieren lässt.

Vor einigen Jahren diskutierte ich mit Wolfgang Zehlius-Eckert darüber, ob Landschaft einen Systemcharakter habe. Er hat dies damals verneint und ich musste ihm leider recht geben. Heute würde ich sagen: Landschaft hat keinen Systemcharakter, sie ist, im Gegenteil dabei, Systemqualitäten immer mehr zu verlieren. Denn die naturräumliche Bindung des Menschen und seiner Handlungen an den Naturraum, wird unter den Bedingungen der Globalisierung immer noch weiter aufgelöst. Die Ökosysteme werden fortlaufend gesprengt. Selbst der Ausbau regenerativer Energien wird in der Logik dieser Auflösung des Raums vollzogen, allenfalls einzelne Dörfer lassen Ansätze erkennen, diese Logik zu sprengen. Und die Politik organisiert immer weiter eine Vertikalisierung von landschaftsbezogenen Handlungen in europaweit organisierten Sektoren, so dass sich Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Naturschutz, Tourismus und Siedlung immer weiter voneinander segregieren, statt in einem gemeinsamen Raumbezug Landschaft wieder zu gestalten und somit ihr Selbstorganisationspotential zu erhöhen. Somit entstehen große Cluster einheitlich beherrschbarer Flächen.

Umso wichtiger erscheint mir der Anspruch, die Vision sich teilweise selbst organisierender kulturlandschaftlicher Handlungsräume endlich auszuformulieren. Dazu braucht es allerdings eine andere Wissenschaft als die oben holzschnittartig kritisierte – und es braucht den Diskurs, das kritische Denken und die Leidenschaft für den landschaftlichen Gegenstand. Ohne eine ehrliche Sicht auf die riesige Lücke, die zwischen dem Anspruch auf Steuerung und dem tatsächlichen Steuerungswissen besteht, wird es nie und nimmer gelingen, auch nur einen ernsthaften Beitrag zur nachhaltigen Landschaftsgestaltung zu leisten.

Für die zehnte Jahrestagung der IALE-D haben wir uns deshalb entscheiden, einen Versuch mithilfe eines nichtwissenschaftlichen Weltbezugs zu wagen – mit der Kunst. Christiane Wartenberg aus dem Oderbruch und Robert Lenz aus Berlin haben für uns Kunst-Honig vorbereitet, von dem ich sie hiermit reichlich zu kosten aufordere. Den Honig gibt es in zweierlei Gläsern.

Die einen sind von Christiane Wartenberg und sie enthalten auf Kaltnadelradierungen den Nektar, den die Wissenschaft aus der Landschaft saugt, indem sie ihre Begriffe und Daten darin generiert. Betrachten sie ruhig diesen Honig und lassen sie ihn sich einmal auf der Zunge zergehen: Ist er süß oder fad? Lässt er sich leicht streichen, ist er dünnflüssig oder ist er so kristallin geworden, dass man ihn gar nicht mehr aus dem Glas bekommt? Nehmen sie sich die Zeit, lesen sie und am besten kaufen sie auch den Honig, der Ihrem eigenen begrifflichen Apparat am ehesten entspricht. Es kann nicht schaden, ihn zur Schärfung des eigenen kritischen Bewusstseins neben den Bildschirm zu stellen. Oder kaufen sie jenen, der sie am meisten aufregt! Im Ärger über wissenschaftliche Konzepte, die einem selbst unerträglich geworden sind, steckt auch eine positive Energie.

Die anderen Gläser enthalten essbaren Honig, übrigens ökologisch produzierten. Was genau das bei Honig bedeutet, kann ihnen Robert Lenz erklären. Der Honig wurde von ihm in der Uckermark gekauft und extra für die Jahrestagung landschaftsökologisch qualifiziert – durch intensive Gespräche mit dem Imker nämlich. So erfahren wir etwas über den genauen Standort, an dem die Bienen ihre Tracht gesammelt haben sowie über die verschiedenen Blütenpflanzen und die mit ihnen verbundenen besonderen ökologischen Probleme. Auf diese Weise wird deutlich, wie viel Landschaft im Honig steckt und wie fatal der Versuch der Industrie ist, diesen engen und wichtigen Zusammenhang bis zur Unkenntlichkeit aufzulösen.

Nicht zuletzt wird ihnen aufgefallen sein, dass man aus den Fenstern unseres Tagungsraums nicht so richtig herausschauen kann. Das ist Absicht, und zwar künstlerische Absicht von Christiane Wartenberg. In Buttermilch geritzt lesen sie die Landschaft und wie man über sie sprechen kann. Wird sie dadurch sichtbar? Wird sie dadurch begreifbar? Und wird sie gar steuerbar?

Wir haben die beiden Künstler nicht zur fröhlichen Bekunstung nach Nürtingen eingeladen. Vielmehr erhoffen wir uns von ihrer Arbeit eine gesunde Provokation und eine Ermutigung zum kritischen Denken für unsere Tagung. Bitte nehmen sie diese Aufforderung an. Sprechen sie mit den Künstlern, sprechen sie untereinander im Sinne ihrer Fragen, schenken sie sich nichts, seien sie mutig. Wir wollen die Sessions auch im beschriebenen Sinne für eine offene landschaftsökologische und umweltwissenschaftliche Debatte nutzen. Am Ende der Tagung werden wir diese Ergebnisse auswerten, es geht uns also nicht um ein bloßes Schaulaufen von Arbeiten, die sowieso gemacht und irgendwo präsentiert werden sollten. Wie weit wir damit kommen, wird sich zeigen, einen Versuch aber ist es wert. Bereits jetzt möchten wir den beiden Künstlern danken, dass sie diese Arbeit für uns ohne Honorar erbracht haben. Wir hoffen, dass wir ihnen wenigstens durch unser Verhalten eine hinreichende Anerkennung zuteilwerden lassen können.

Machen sie mit – und kaufen sie Kunst-Honig – er möge ihnen schmecken und bei der weiteren Arbeit dienlich sein.

Kenneth Anders, 22. 9. 2010

Die schwere Kolonie. Das Oderbruch.

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Gemüsegarten Berlins und Paradies für Raumpioniere. Collage aus einer Landschaft in Berlins naher Ferne

Hintergrund
„Kulturland Brandenburg“ förderte 2008 Projekte, die Berlin-Brandenburgische Landschaften unter dem Leitmotiv „Provinz und Metropole – Metropole und Provinz“ verarbeiten. Gemeinsam mit Andreas Röhring vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) realisierte das Büro für Landschaftskommunikation eine Bühnencollage, die die besondere Beziehung des Oderbruchs zur Stadt und zu staatlicher Obrigkeit in Potsdam und Berlin verdichten sollte. Dabei entstand eine Bühnenproduktion aus Theater, Bild- und Soundcollage. Für diese Entscheidung sprach vor allem die Erfahrung, dass sich Konflikte in der Landschaft besser in Form von Geschichten kommunizieren lassen.

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Landschaft im Film: Into The Wild

Dienstag, 8. Dezember 2009

Regie: Sean Penn, USA, 2007

Ein junger Mann bricht aus seiner Familie aus, verwischt alle Spuren und wird zum Tramp. Er verschenkt und verbrennt sein Geld, verlässt die Wohnung, versteckt das Auto und begibt sich in einen Rausch von Freiheit und Selbsterfahrung. Unter dem Pseudonym „Alexander Supertramp“ reist er per Anhalter und blinder Passagier über zwei Jahre durch die die Vereinigten Staaten.

Die Reise, anfangs ein scheinbar zielloses Streunen, hat eine Richtung – sie zielt nach Norden, nach Alaska: into the wild. Erzählt wird sie als ein kurzes Leben von Geburt, Jugend, Erwachsensein und Weisheit.

In dem Film spielt Landschaft eine bedeutende Rolle. Die amerikanischen Szenerien der Wüsten, der reißenden Flüsse, der schroffen Felsmassive und monumentalen Windkraftfelder sind von erhabenen Sonnenuntergängen beleuchtet. Die Städte erscheinen als Not leidende und Leiden verursachende Gegenwelt zu diesem mächtigen Panorama.

Was zunächst wie der romantische Kontrast eines Roadmovies anmutet, das durch die Nationalparke der Staaten zu führen scheint, offenbart im Verlaufe des Films eine abgründige Dynamik. Je offensichtlicher die seelische Not des Reisenden wird, umso weiter wird er in die verheißungsvolle Wildnis getrieben. Immer deutlicher tritt die Unfähigkeit hervor, seinen Eltern zu verzeihen – im selben Maße wächst die Sehnsucht nach völliger Unabhängigkeit, die jede menschliche Begegnung zum Abbruch drängt. Als Alexander seine Freiheit in Alaska endlich erlangt, verliert sich der Rückweg. Erst hier, in der letzten Konsequenz, im Tod, löst sich die Spannung.

Ein ungewöhnlicher und gekonnter filmästhetischer Umgang mit Landschaft – keine Robinsonade, keine bloße Kulisse. Die Landschaft wird Ausdruck der Seele – und so lange ein Raum der Einsamkeit, wie ihre soziale Dimension verschattet ist.

Kenneth Anders

Helmut Lemke: Im Spiegelbild des Blättertanzes…

Dienstag, 8. Dezember 2009

– Über den Hörwert

Klänge, acht hölzerne Hörrohre, der Wanderweg gelber Vogel, Länge 7,5 km, Standort: Steinmühle bei Carpin, 2000

Hörort bei Steinmühle (Foto: Wolf-Dietrich Gerhardt, Neustrelitz)

Diese unscheinbare Arbeit mit dem Klang einer Landschaft entstand im Rahmen des Kunstringes um den Müritz-Nationalpark in der Nähe des Jugendwaldheims Steinmühle, dem Umweltbildungszentrum im Serrahner Teil des Nationalparks südöstlich von Neustrelitz. Mit schwer zu übersehenden Hörrohren auf verscheiden hohen hölzernen Stangen entlang des Wanderweges gelber Vogel hat der Klangkünstler und Improvisationsmusiker Helmut Lemke Orte gekennzeichnet, an denen es sich zu hören lohnt. Der Weg führt von Steinmühle am Grünower See entlang durch einen Buchwald, vorbei an einem kleinen Feuchtgebiet, hinaus aufs Feld, in eine Siedlung hinein, von dort zurück in den Wald, streift eine Kernzone des Nationalparks und endet wieder an der alten Mühle.

„Ausgehend von der Steinmühle“, schreibt Helmut Lemke über seine Arbeit, „wandere ich diesen Weg jeden Tag ganz oder teilweise zu unterschiedlichen Tageszeiten. Ich suche Klänge. Sie sind verschieden – überraschend und erwartet. An manchen Tagen ist die Stille ohrenbetäubend. Kleine Bäume sind geschwätziger als große. Entscheidend ist der Wind – ich erlebe meist windstille Tage. Vögel (so wurde mir gesagt) werden stiller im August. Der Mythos Wildschwein kracht im Unterholz. … Gehen selbst ist laut… Schritte, Kleidung, Atmung…verschiedene Böden, Sand, Waldboden, Stein, Stoppelfelder…Der Nationalpark klingt. Ich möchte dem nichts hinzufügen. Für viel spannender halte ich es die Klänge dieser Landschaft zu suchen, zu sammeln und ihnen eine künstlerische Form zu geben.“More…

Tagebuchaufzeichnung mit Sonografik von Helmut Lemke

Die Arbeit „Über den Hörwert“ ist ein Angebot, wie Besucher und Einheimische aus dem materiellen Nicht-Nutzen der Natur, wie er im Nationalpark Müritz angestrebt wird, ein ästhetischer Nutzen gezogen werden kann. Ein flüchtiger zwar, aber dafür einer der sich nicht verbraucht.

Jede Landschaft – die Menschen in ihr immer mitgedacht – hat ihren Klang. Diese Dimension hilft Helmut Lemke mit einfachen künstlerischen Mitteln zu erschließen. Ist es möglich die Landschaftsgeschichte zum klingen zu bringen? Klänge lassen Bilder entstehen. Bodenproben belegen, dass die Buchenwälder um Steinmühle einmal Ackerland waren. Wie klingt aufreißende Erde, wenn der Hakenpflug durch sie fährt?

Das in Steinmühle entstandene Tagebuch, in dem Helmut Lemke die Erfahrungen seiner GeHörGänge festgehalten und mittels Sonografiken (Computerbilder von Klängen) zu visualisieren versucht hat, kann für den reflexiven Aspekt seiner Kunst stehen.

Für den Improvisationsmusiker Helmut Lemke sind die Klänge eines Ortes immer auch – vielleicht sogar in erster Linie – eine Aufforderung, mit ihnen zu spielen, um den Charakter einer Gegend zu erforschen. Auf der Abschlussveranstaltung zum Künstlerpleinair in Steinmühle spielte er nicht nur auf langen über den See gespannten Sehnen, gemeinsam mit seinem Künstlerkollegen Claus van Bebber, versammelte er auch die Musik- und Klangkulturen der Region – vom Kinderchor über Jagdbläser und Konzertgitarre bis hin zu schwimmenden Plattenspielern, die Vogelstimmen wiedergeben, und scheppernden Fahrrädern, die über Kopfsteinpflaster fahren. Was lässt sich über Klang von einer Landschaft erfahren? Wie klingt eine Landschaft, wenn man die Bevölkerung darum bittet, ein akustisches Statement zu geben: wie klingt ihr Leben?

Lars Fischer

Tatsuo Inagaki: Mein Platz

Dienstag, 8. Dezember 2009

12 Holzschilder je 1,5 x 1,5 m

Standort: Wanderweg zwischen Bergfeld und Carpin, 2000

Gemeindegrenzen schreiben sich in die Landschaft ein und bleiben für Fremde meist unerkannt.

„Hier sah ich 1000 Hirsche und Wildschweine.“ „Hier verlief früher die Ortsgrenze. Sie war durch eine dichte Hecke gekennzeichnet. Die Hecke wurde abgeholzt, weil man für die modernen Landmaschinen große Flächen brauchte.“ „Ich kannte den Baum seit Jahren und war sehr erschrocken, daß er vom Wind umgeworfen war.“

Zwischen Bergfeld und Carpin. Hier. An diesem Ort. Ein ausgestreckter Finger, eine Hand, ein gestreckter Arm; Gesten hinein in die Landschaft, die Heimat ist. Einem Japaner werden Geschichten erzählt über die Steine auf den Äckern, die die Maschinen zerbrachen, über Felder, die nicht mehr genutzt als Unland da liegen, über versteckte Ostereier, über den Tod – Geschichten über Natur als Lebensraum des Menschen, über die Spuren, die er in ihr hinterlässt, wie die Natur in ihm. Der Japaner hört zu, lässt sich die Erzählung ins Englische übersetzen, und macht sich japanische Notizen. Er sammelt die Geschichten, schreibt sie auf Holzschilder und stellt sie wieder in die Landschaft. Jemand kommt vorbei und beginnt zu lesen…More…

Natur ist, schreibt der Soziologe Klaus Eder (1998), was durch Kommunikation erreicht werden kann. Und fährt fort: Natur, die nicht kommuniziert wird, existiert für die Gesellschaft nicht (was in den Hirnen der einzelnen sich befindet, ist noch mal eine andere Frage). Die öffentliche Debatte über Natur ist geprägt durch wissenschaftliche Begriffe wie Grenzwert, Biotop, Schadstoffeintrag, Ökosystem, Ressource, Entropie etc. Was aber könnten wir noch über Natur erzählen (oder malen, oder komponieren…)?

Wissen wir oder glauben wir zu wissen, was die Landschaft ausmacht?

Tatsuo Inagaki definiert seine Kunst als Feldforschung. Ein Begriff der aus der Völkerkunde stammt. Die Frage, die MEIN PLATZ aufwirft heißt, was kann ich mittels ästhetischer Arbeit über die soziale Konstruktion fremder Landschaften erfahren und wie verändert sich die Wahrnehmung der Landschaft bei Dritten, wenn diese Konstruktion öffentlich gemacht wird.

Der Ausgangspunkt des Projektes MEIN PLATZ von Tatsuo Inagaki, das im Rahmen des Kunstringes am Müritz-Nationalpark realisiert wurde, ist der Graben, der sich zwischen Ding und Begriff auftut, wenn bestimmte Phänomene, sinnliche Erscheinungen oder Gefühle in Worten wiedergegeben werden. Seine ästhetischen Feldforschungen sind der Versuch, diesen Graben durch Zeit und Raum zu überbrücken. Die gesammelten und aufgeschriebenen Geschichten verweisen am Wegesrand auf kulturell besetzte Orte in der Landschaft. Dem Leser obliegt es, die in Worte gefassten Geschichten in die Landschaft zurück zu übersetzen. Ästhetische Spurensuche, die nicht nur für die Landschaft und ihre Besonderheiten sensibilisiert, sondern erahnen lässt, was sie für die Menschen, die hier leben, ist und wie sie in ihr zu leben gewohnt sind.

Lars Fischer

Christian Uhlig: Verlandet

Dienstag, 8. Dezember 2009

Installation aus sechs Holzbooten, Eichenholz und Text; Höhe 4,5 m, Länge 3,5 m; Standort: Freisnecksee bei Waren/Müritz, 1994 (2005 demontiert).

Die Installation VERLANDET am Westufer der Freisneck im Jahr 2004

Die Freisneck, wie der Freisnecksee in der Nähe des Warener Neubaugebietes Papenberg auch genannt wird, liegt im Nationalpark Müritz. Eine Gletscherzunge hat das Becken des Sees ausgearbeitet, an dessen Ufern Slawen siedelten, wie die Burgwallinsel belegt. Ursprünglich ohne oberirdische Zuflüsse entwässern heute über zum Teil künstliche Gräben eine Reihe von Seen in die Freisneck. Der Wasserspiegel wurde mehrmals, zuletzt im 19. Jahrhundert gemeinsam mit der Müritz, künstlich abgesenkt, was gut ausgebildete Absenkungsterrassen zeigen.

Auf einer dieser Terrassen am Westufer stand die Installation VERLANDET von Christian Uhlig. Sie war Teil des von 1992 bis 2000 organisierten Projektes „Kunstring am Müritz-Nationalpark“. Sechs an Land gebrachte Holzboote bilden den Kern der Arbeit, die sich mit der Nutzung des Sees und der seiner Perspektive als Teil einer Landschaft, in der sich in den nächsten Jahrzehnten vor allem Wildnis entwickeln soll, auseinandersetzt. Die Zukunft der Fischerei auf den Seen im Nationalpark – die Zukunft der Arbeit in der geschützten Landschaft überhaupt – war ebenso wie die Regulierung des Wasserregimes ein Thema in der Region. In diesem Zusammenhang steht die Installation.More…

Knappe Texte schlagen eine Brücke vom Kunstwerk zum Betrachter.

„Alle Boote auf dem Trockenen – abgestellt, ungenutzt, wertlos. Wo ist das Wasser, auf dem sie schwammen? Wer sind die Menschen, die sie nutzten? Wo ist die Arbeit, die die Menschen ernährte? Die Installation“, sprühte der Künstler Christian Uhlig aus Stegelitz/Uckermark in Druckbuchstaben auf die Planken der sechs aufgestellten Ruderboote über seine Arbeit, „ist Träger von Gedanken, Mittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Fragesteller. Der Bogen spannt sich vom Rückgang des Wasserspiegels insgesamt über dessen Ursachen bis zu sozialen und gesellschaftlichen Problemfeldern der jüngsten Zeit.“ Uhlig begreift VERLANDET als „Informationsträger und ästhetisches Fragezeichen“. Als wissensbasierter künstlerischer Kommentar zur Landschaft entfaltet die leider auf Grund ihres zunehmenden Zerfalls bereits demontierte Arbeit ihre Wirkung. Die Landschaft wird nicht aus formal-ästhetischen Gründen, wegen ihrer Gestalt oder Farbe etwa, als Kulisse für ein in sich abgeschlossenes Kunstwerk angenommen, sondern als Resonanzraum für die von der Installation ausgehenden Assoziationen zum Teil der Installation und damit zu etwas mehr oder weniger bewusst Gestaltetem. Durch diese Qualität öffnet sich VERLANDET für eine kulturlandschaftliche Auseinandersetzung.

Lars Fischer

Die Landschaft neu ordnen – eine göttliche Aufgabe

Dienstag, 8. Dezember 2009

Der Bootgott vom Seesportclub. Ein Film von Robert Bramkamp

Buch, Regie und Schnitt: Robert Bramkamp

Mit Steffen Scheumann, Jörg und Hanne Wenke und dem Seesportclub Wendisch-Rietz,

2006

Die Idee klingt absurd: Der mesopotamische Schöpfergott ENKI, einst schlangengleich aus dem Wasser gestiegen und die erste Hochzivilisation stiftend, erlebt eine Reinkarnation für einen zweiten Wirkungszyklus. In Gestalt der arbeitslosen ABM-Kraft Steffen Enkert taucht er in Wendisch Rietz am Scharmützelsee aus dem Wasser. Wie einst im Zweistromland soll er den Abschied von der gegeben Natur durch Arbeitsteilung im Mythos ermöglichen. Wie damals geschieht dies durch die Verleihung von 100 ME – Begabungen, Berufungen, Fähigkeiten. Die Ausgangslage ist indes eine andere – ENKI muss sich den Dingen von unten nähern und durch die Komik einer unklaren mythischen und arbeitsrechtlichen Situation den Weg zur zivilisatorischen Tat bahnen. Sein Auftrag ist es, der depressiven und ratlosen Lebenskultur einer ostdeutschen Provinz durch den Rückgriff auf eine Urgottheit wieder zivilisatorische Würde zu verleihen. Darin ist Komik und Ernst angelegt, Scheitern und Gelingen. Und es ist die richtige Frage als Erwiderung auf eine provinzielle Welt voller vermeintlicher Antworten.

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