Archiv für die Kategorie „Buchbesprechungen“

Das Einmaleins der Nachhaltigkeit

Freitag, 6. Mai 2011

Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter. Herausgegeben, überarbeitet und übersetzt von Silke Helfrich. oekom verlag, München 2011, 126 S. 14,95 €

Man kann nicht behaupten, dass die Umweltwissenschaften in Deutschland die Herausforderung angenommen haben, die mit der Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises an Elinor Ostrom auf sie gekommen ist. Ein großer Teil gerade der sozioökonomischen Arbeiten zum Thema Umwelt stützt sich immer noch auf mechanistische Ansätze, wie sie seit der Blüte der Zahlungsbereitschaftsanalysen hierzulande beliebt sind. Die größte Popularität erfahren gegenwärtig die Ecosystem Services. Wer allerdings meint, in diesem Ansatz eine hinreichende Schnittmenge zu den Arbeiten Ostroms zu erkennen (immerhin geht es da doch auch um Ansätze zur Vergütung und Quotierung!), sollte es sich nicht zu einfach machen. Ohne systemwissenschaftliches Denken wird aus den Services schnell eine Chimäre. Das ist denn gegenwärtig auch zu erleben.

Aus diesem Grund ist es eine gute Idee, einen unkomplizierten und eher essayistischen Einblick in das Denken Ostroms zu geben. Die Wissenschaft mag den Ball nicht auffangen, die Öffentlichkeit dagegen schon – und schließlich reagieren auch die Wissenschaften auf öffentliche Nachfrage. Das vorliegende Bändchen unternimmt diesen Versuch. Es besteht im Wesentlichen aus zwei Texten, die englischsprachigen Zeitschriften entstammen, wobei im zweiten Falle ein Interview zu einem Fließtext umgearbeitet wurde.

Im ersten Teil werden die Leser mit den grundlegenden Begriffen vertraut gemacht, die für Analyse und Hermeneutik von Gemeingütern benötigt werden. Selbstverwaltung und Selbstorganisation, Emergenz und Redundanz, Institution und Kooperation fungieren als Pflöcke, an denen die Autorin viele kleine und große Beobachtungen vertäuen kann und auch ihren Lesern die Chance gibt, mit den eigenen Erfahrungen in die Auseinandersetzung einzutreten. Der freundliche sprachliche Gestus der Autorin lässt einen zuweilen über das große kritische Potenzial ihres Denkens hinweglesen, das unzweifelhaft darin zu finden ist – man denke nur an die anhaltende Zerstörung tradierter Organisationsformen von Gemeingütern durch privatwirtschaftliche Aneignung und verzerrte politische Wahrnehmung. Der eher freundliche Gestus prägt übrigens das ganze Buch: Es soll vor allem eine Einladung zur Beschäftigung mit dem Potenzial der Gemeingüter sein, sich zugleich aber auch vorsichtig von anderen Annäherungsweisen abgrenzen.

Im zweiten Teil werden Versuche diskutiert, neuartige Steuerungsformen für globale Gemeingüter zu etablieren, wobei es vor allem bei den Fisch- und Waldbeständen bereits einen größeren Erfahrungsschatz gibt. Die Autorin ist hier – der ursprünglichen Form des Interviews entsprechend – um eine offene Reflexion bemüht, erreicht allerdings nicht die systematische Klarheit des erstens Teils. Auf jeden Fall wird die Kluft sichtbar, die sich zwischen traditionell gewachsenen und in lokalen Gemeinschaften verankerten Regelungsformen und neuartigen globalen Steuerungsinstitutionen auftut. Mit der systemtheoretischen Perspektive Ostroms im Hinterkopf bleiben dann doch mehr Fragen offen, als durch den Rundumschlag zu beantworten sind.

Ein in Thesenform verfasster Katalog mit Gestaltungsprinzipien für die nachhaltige Bewirtschaftung von Gemeingütern schließt die kleine Textsammlung ab. Ergänzt wird sie durch ein ausführliches Glossar, das die Herausgeberin beigefügt hat. Hier werden in gut verständlicher Weise sowohl einige Institutionen und Schlagworte aus den jüngeren Umweltdebatten als auch zentrale systemtheoretische Grundbegriffe erläutert, die nicht nur in Politik und Wissenschaft sondern auch in der Öffentlichkeit benötigt werden, wenn man Gemeingüter vernünftig konzipieren und bewirtschaften will. Dieses Glossar ist lesenswert. Gemeinsam mit den vorangestellten Texten macht es deutlich, dass es sich bei den Arbeiten Elinor Ostroms und ihrer Kollegen nicht um eine Schule handelt, die man beachten oder ignorieren kann sondern um das Einmaleins der Nachhaltigkeit.

Kenneth Anders

Und was wird aus dem Land?

Dienstag, 26. Oktober 2010

Zum Strategiepapier “Vision 2050″ des WBCSD (World Business Council for Sustainable Development)

Die Studie „Vision 2050“ blendet die zentrale Herausforderung für die Schaffung nachhaltiger Strukturen aus, um ihren unternehmerischen Mut nicht zu bremsen

von Kenneth Anders

Eine neue Agenda für Unternehmen muss in erster Linie auf unternehmerische Spielräume gerichtet sein. Diesem Anspruch wird das Papier in gewisser Weise gerecht. Es will Mut und Lust machen, sich den Herausforderungen zu stellen, die durch Bevölkerungswachstum und Ressourcenknappheit auf die Menschheit als Ganze zukommen – und somit auch auf jene, die etwas unternehmen wollen.
Die damit verbundenen Konflikte werden dagegen nur allgemein als ein schwerer Abschied von altem Denken beschrieben. Einen systemischen Änderungsbedarf will das Papier in Kernfragen einer nachhaltigen Strategie nicht anerkennen, vielmehr verlässt man sich voll und ganz auf den technologischen Fortschritt und überlässt die offenen Fragen einer Neuordnung der politischen Steuerung. Das mag bei den neuen Chancen der Wasseraufbereitung, der Informationstechnologie oder der Abfallwirtschaft berechtigt sein, obwohl man schon bei Formulierungen wie „weltweite Verfügbarkeit klimaschonender Mobilität“ einmal nachfragen sollte, ob hier wirklich an normative Kompromisse oder nicht doch eher an die Quadratur des Kreises gedacht worden ist. Bei den klassischen primären Landnutzungen wie Land- und Forstwirtschaft ist es dagegen blind und entspricht dem allerorten viel zu wohlfeilen Optimismus bei der Erstellung von Best-Case-Szenarien globaler Entwicklung.
Die Autoren gehen davon aus, dass die demografischen Prozesse der Gegenwart ungehindert anhalten, was zu einer weiteren Landflucht sowie der Konzentration der Menschen in Städten führen würde. Darin sind sie sich mit den meisten Wissenschaftlern und Politikern einig. Von dieser Annahme wird abgeleitet, dass die Herausforderung der Nachhaltigkeit folglich auch eine vornehmlich urbane Aufgabe ist. Die angedeuteten Lösungen folgen dieser Logik: Verdopplung der Bioproduktivität, Deckung des steigenden Bedarfs an Fleisch und Fisch, im Umkehrschluss Ausweisung ungenutzter Schutzgebiete für die Biodiversität.
Das entsprechende Szenario blendet die zivilgesellschaftliche Dimension der von der Abwanderung betroffenen Räume konsequent aus. Von Stadt-Land-Partnerschaften ist keine Rede, wahrscheinlich deshalb, weil sich in den Augen der Autoren das Land als eigenständig beschreibbarer Siedlungsraum überhaupt auflöst. Entlegen wirtschaftende Landwirte müssten lediglich mit Wissen, neuer Technologie und den richtigen Anreizen versorgt werden, um ihre Aufgaben pro Nachhaltigkeit erfüllen zu können. Diese Vorstellung ist irrig.
Ländliche Räume, in denen es keine funktionierende Zivilgesellschaft mehr gibt und in denen entsprechende kulturlandschaftliche Diskurse fehlen, entwickeln sich zu Betriebsflächen, auf denen ein spezialisierter Unternehmenszweck unter Rationalisierungsdruck realisiert wird. Das gilt für Afrika wie für Brandenburg. Die gegenwärtige Ausdifferenzierung multifunktionaler Landschaften in Agrarzonen, Tourismusgebiete, Industrieflächen, neue Wildnisse und Wohnareale weist längst in diese Richtung. Sie geht mit einer Untergrabung, nicht mit einer Stärkung von Nachhaltigkeitsstandards einher. Die gegenwärtig populäre Annahme in den Umweltwissenschaften sowie in der Umweltpolitik, mit Gesetzen und Anreizen auf der Basis hochaggregierter Datensysteme ließe sich dieser Prozess aufhalten oder steuern, ist eine Illusion. Eine Steuerung im Hinblick auf eine ressourcenbewusste Landnutzung realisiert sich dauerhaft nicht durch Eingriffe von außen, sondern in selbst organisierten Systemen inmitten der Naturräume – und eben deren Herausbildung wäre die vornehmliche Aufgabe einer Nachhaltigkeitsstrategie für die nächsten fünfzig Jahre. Das würde übrigens – nebenbei bemerkt – auch auf die demografische Dynamik, die von den meisten Wissenschaftlern gegenwärtig wie ein Naturgesetz behandelt wird, interessante Auswirkungen haben.
Man kann dieses Problem an der rasanten Entwicklung der industriellen Massentierhaltung verdeutlichen, die von dem Papier an keiner Stelle infrage gestellt wird. Die konzentrierte Mast und Schlachtung tausender Tiere ist nicht nachhaltig – das weiß jeder. Sie erfordert einen viel zu hohen Futtermitteleinsatz aus Monokulturen, verursacht Umweltbelastungen, ist nicht artgerecht und verlangt einen permanenten Einsatz von Medikamenten. Dass sich diese Technologie trotzdem durchgesetzt hat, war nur auf der Basis räumlicher Segregation möglich. Massentierbetriebe sind nicht mehr Teil des menschlichen Habitats sie werden von keiner lokalen Steuerungsebene erreicht. Die Frage, ob die Tierhaltung, wie auch andere Formen der Landwirtschaft und des Handwerks, grundsätzlich nicht industrialisiert werden sollten, erscheint deshalb aus der gegenwärtigen Logik naiv. Sie hat aber nach wie vor ihre Berechtigung. Die weltweite Vernichtung der Böden und ganzer Agrarökosysteme konnte bislang in keiner Weise gestoppt werden, weil die primäre Landnutzung in ein System eingebunden wurde, das vielleicht für die Produktion von Kofferradios taugt, nicht aber für die von Hähnchenfleisch.
Selbstverständlich können auch in der primären Landnutzung zukünftig großartige Fortschritte gelingen, die dabei helfen, die Ernährungslücke einer wachsenden Menschheit zu schließen. Aber ob diese Fortschritte dann auch nachhaltige Nutzungen befördern, wird dort entschieden, wo sie angewandt werden. Die politischen Systeme können entsprechende Rahmenbedingungen setzen, auf die Steuerungsfunktion kulturlandschaftlicher Handlungsräume, in denen sich Kriterien dafür herausbilden, was eigentlich in einer spezifischen Landschaft legitim ist, können sie nicht verzichten.
Ähnliche strukturelle Schwierigkeiten werfen die in der Emphase der „vierten Revolution“ gefeierten neuen Bioenergien auf. Dass in ihnen die Zukunft unseres Energiesystems liegt, steht außer Frage, aber anzunehmen, dass ihre Entwicklung in nachhaltigen Flächenregimes erfolgt, ohne zugleich für vielfältige Partizipationsformen in der regionalen Wertschöpfung ländlicher Räume zu sorgen, ist eine grandiose politische oder ökonomistische Selbstüberschätzung.
Nun würden die Autoren von „Vision 2050“ vielleicht einwenden, es sei ja ein Leichtes, ihr Szenario um entsprechende Strategien zu ergänzen: hier eine Raumplanungsinitiative, dort ein landschaftskommunikativer Diskurs. Dazu ist erstens zu sagen: Dann sollten sie dies auch dringend tun, denn diese Aspekte sind unverzichtbar. Und zweitens ist zu sagen: Wenn die ländlichen Räume als Handlungsräume entwickelt werden, in denen Menschen ein vollwertiges Leben führen, das nicht dem Status eines Montagearbeiters entspricht (und eben dies ist Voraussetzung für ihre nachhaltige Bewirtschaftung), dann sollte man mit den Erwartungen an die Effizienzsteigerung der hier veranstalteten Nutzungen etwas vorsichtiger sein. Denn niemand wohnt gern in einem 20.000 ha großen Genmaisfeld oder am Rand einer nicht enden wollenden Windkraftanlage.

Susan Beth Pfeffer: Die Welt wie wir sie kannten

Montag, 9. August 2010

Roman. Aus dem Englischen von Annette von der Weppen. Carlsen Verlag Hamburg, 2010

Obwohl der Roman wie ein waschechtes Jugendbuch geschrieben ist – als Tagebuch eines sechzehnjährigen Mädchens in Philadelphia – entfaltet er in einer bemerkenswerten Dichte zivilisatorische Ängste. Die Geschichte beginnt mit Sprachwitz und Sinn für die Sorgen einer amerikanischen Highschoolschülerin. Miranda erzählt über ihre alltäglichen Sorgen: Der geschiedene Vater ist weit weg und gründet gerade eine neue Familie, der geliebte große Bruder ist zum Studium ebenfalls außer Haus. Gemeinsam mit der Mutter und dem kleinen Bruder erlebt sie die Konflikte einer amerikanischen Kleinstadtjugend: Eine Freundin ist in der evangelikalen Kirche entrückt, die andere steckt mitten in den ersten sexuellen Abenteuern, Miranda selbst wird von Unsicherheiten geplagt. Da passiert das Unvorstellbare: ein Komet schlägt auf dem Mond ein und verändert dessen Umlaufbahn. Während die Leute noch auf der Straße stehen, um das astronomische Ereignis wie eine der üblichen Sonnenfinsternisse zu bewundern, nimmt die Katastrophe ihren Lauf: Tsunamis, Erdbeben und eine nicht enden wollende Vulkantätigkeit setzten die amerikanischen Küsten unter Wasser, verdüstern die Atmosphäre, fordern Millionen Tote und beenden mit einem Schlag das globale Wirtschaftsleben.

Was zunächst wie eine allzu steile Ausgangsidee daherkommt, wird nun als ein Science-Fiction-Kammerspiel mit großer Sorgfalt durchgespielt. Im Mittelpunkt steht das Energieproblem. Erdöl und Erdgas versiegen bald, nach den sofort einsetzenden Hamsterkäufen in den Supermärkten kommt die Lebensmittelversorgung völlig zum Erliegen. Bald setzt auch die Stromversorgung aus und schließlich versiegt sogar der mediale Informationsfluss: Das Telefon ist tot, das Internet entfällt mit der Elektrizität, aus dem Kofferradio dringt nur noch ein Rauschen. Alle gesellschaftlichen Systeme brechen zusammen, irgendwann bleibt die Post zu, die Schulen geben den Betrieb überwiegend auf, das Krankenhaus schließt nach einer verheerenden Grippeepidemie, die nochmals viele Tote fordert. Viele Familien schlagen sich in den Süden durch, wo es besser sein soll, die Vereinigten Staaten fallen jedoch auseinander und bewachen ihre Grenzen mit militärischem Aufwand, Flüchtlingscamps entstehen mitten in den USA. Die Häuser, in denen die Bewohner verendet sind, werden sofort geplündert, das staatliche Gewaltmonopol lässt nichts mehr von sich hören. Miranda steht mit ihrer Familie vor der Aufgabe, in der ungewissen Hoffnung auf eine Besserung der Situation die Wintermonate mit den gehorteten Konserven zu überleben. Das Leben kreist um immer knapper werdende Fertigsuppen, Dosengemüse, Aspirin, Batterien und Brennholz. Schokolade wird zu einem unvorstellbaren energetischen Luxus. Der Kontakt zu den fernen Angehörigen, so sie nicht gestorben sind, bricht ab. Man begleitet die Familie in ihren Ängsten und sieht ihnen beim täglichen Hungern zu: Immer weiter schränken sie ihre Mahlzeiten ein, immer enger müssen sie im Haus um den einzigen Ofen zusammenrücken, der ihnen im Gegensatz zu anderen Haushalten einen großen Überlebensvorteil sichert. Der tägliche Aktionsradius wird in Kälte und Schnee immer kleiner, es fehlt jede greifbare Hoffnung, Angst bestimmt den Alltag. Mitunter gibt es Freuden: eine wundersam auftauchende Schachtel Pralinen als Geburtstagsgeschenk für die Mutter, die abendlichen Spiele, das gemeinsame Singen, weil man die sich immer weiter ausbreitende Stille sonst kaum noch ertragen würde. Die Kinder werden in wenigen Monaten erwachsen und sie lernen, sich und ihr Leben inmitten der Not zu lieben. Je leerer es in der Speisekammer wird, umso klarer wird dieses Vermögen, trotz der Verzweiflung persönliches Glück zu empfinden. Zuweilen ist man an Berichte von Zeitgenossen früherer Entbehrungen erinnert.

Ob sich ein katastrophaler Zusammenbruch Weltwirtschaft wirklich in der beschriebenen Weise auswirken würde, kann man in einigen Punkten bezweifeln. So ist z.B. Annahme, dass sich die Familien wie kleine Trutzburgen mit ihren Vorräten gegeneinander vollkommen abgrenzen und isolieren, in einigen Hinsichten fragwürdig. Der Roman verzichtet auf spontane außerfamiliäre Lern- und Kommunikationsprozesse, auch werden spontane Resozialisationen, von denen bestimmt einige zu erwarten wären, nicht durchgespielt. So könnte man ebenso mit einer schnellen Reaktivierung regionaler Tausch- und Handelsbeziehungen rechnen wie auch mit der Herausbildung – wahrscheinlich unangenehmer – lokaler Herrschaftsformen, da das staatliche Gewaltmonopol nicht mehr herrscht. Lediglich die Gefahr von räuberischen Übergriffen  wird plastisch beschrieben.

Diese Fragen sind spannend, denn ein viele der Systeme, in denen wir heute leben, basieren eben auf der energetischen Absicherung überregionaler Versorgungs- und Informationsströme, ihr Zusammenbruch würde lokal sehr verschiedene Folgen zeitigen. Allerdings wäre es verfehlt, der Autorin diese Konzentration auf eine Kleinfamilie zum Vorwurf zu machen. Ihr ist mit gut beschriebenen Protagonisten ein eindrückliches Bild gelungen, dass uns vor Augen führt, was von unserer Welt übrig bleibt, wenn sich der Tropf, an den wir sie angeschlossen haben, schließt: fast nichts, fürs erste jedenfalls. Wem immer die Behaglichkeit der Hobbits im Auenland als aussichtsreiche Perspektive für die Epoche der Nachhaltigkeit erscheint, muss sich darauf einstellen, dass es einige Generationen braucht, bis man sie vielleicht erreicht hat. Bis dahin ist das Leben eher trostlos – und ziemlich gefährlich.

Kenneth Anders

Mikael Niemi: Der Mann, der starb, wie ein Lachs

Montag, 9. August 2010

Roman. Aus dem Schwedischen von Dr. Christel Hildebrandt. btb-Verlag 2009

In seinem Erstlingswerk „Popularmusik aus Vittula“ hatte Niemi seine  Heimatregion, das nordschwedische Tornedal, wie durch ein Kaleidoskop beschrieben. Mannigfache Eindrücke wurden hier wiedergegeben, manche sind abgründig, andere komisch und wieder andere rätselhaft, alle sind durch die Perspektive der Kindheit bestimmt. „Der Mann, der starb wie ein Lachs“ wirft dagegen einen wesentlich politischeren Blick auf diese Region und bedient sich dafür der Kriminalgeschichte.

Zentrales Thema ist der hier gesprochene Dialekt, das Miänkeli, das als finnische Mundart durch lokalen Gebrauch und zahlreiche Lehnwörter aus dem Schwedischen geprägt ist. Obwohl das Tornedal de facto „immer“ zu Schweden gehört hat, steckt die Bevölkerung in einem komplizierten Minderheitenkonflikt, der vor allem durch diese Sprache vermittelt ist. Die Anerkennung ihrer Kultur wurde im Reichsschweden Jahrhunderte lang verweigert. In den Schulen wurde nur Schwedisch unterrichtet, die Minderheit fühlte sich gerade in ihrer Muttersprache minderwertig. Der vom Nationalstaat ausgeübte Druck zeitigte über die Jahrzehnte Wirkung: Viele Tornedaler ließen ihre finnischen Namen ins Schwedische übersetzen und erzogen ihre Kinder in Schwedischer Sprache, die sie selbst nur mühsam angelernt hatten. Dadurch gehen viele Bedeutungen und Facetten der Landschaft und ihrer Lebensart verloren, nicht zuletzt die Wärme und Sicherheit der Muttersprache. Die Rehabilitation des Miänkeli in der Gegenwart kommt für Vieles und Viele zu spät: Die Kinder der dritten Generation beherrschen es kaum noch, entsprechend dem allgemeinen demografischen Trend träumen sie von Stockholm und der weiten Welt und zeigen kaum Bedürfnisse an den lokalen Ausdrucksformen. Niemi gelingt es in seiner Kriminalgeschichte, den damit verbundenen Verlust greifbar zu machen und in einer mythologischen Verdichtung eine atemberaubende Brücke zwischen Landschaft, Mensch und Sprache zu schlagen.

Ein alter Mann ist ermordet worden – auf martialische Weise aufgeschlitzt mit einem Lachsspieß. Die polizeilichen Untersuchungen stoßen auf zwei Fährten – entweder ist ein trivialer – wenn auch brutaler – Raubmord vorgefallen oder das Verbrechen hat etwas mit der ermordeten Person selbst und ihrer Stellung im Tornedal zu tun. Alle Nachforschungen zur Geschichte dieses Martin Udde führen in einen Sumpf an Schuld und Versagen. Die Ballung an Bösem, die dem Ermordeten schließlich anhaftet, ist kaum zu überreffen: Als Lehrer, Mitarbeiter der Jugendfürsorge und schließlich sogar beim Zoll hat Udde sein Unwesen getrieben und sich in der Region zu einer verhassten Person entwickelt. Seine tornedaler Wurzeln hat er wie mit dem Teufel ausgetrieben, um sie anschließend auch den ihm anvertrauten Menschen auf grausame und demütigende Weise zu nehmen. Dass er sogar Kinder misshandelt hat, scheint für einen plausiblen Krimi schon zu stark, aber Udde ist keine realistische Figur – er ist eher ein mythischer Agent des schwedischen Nationalstaates, der die Menschen dieser entlegenen Landschaft unterdrückt und vergewaltigt und ihnen ihre Lebensader abschneidet.

Dieser Figur ist eine noch stärker mythisch überhöhte Gestalt entgegengesetzt – ein Phantom, Uddes heimlicher Sohn, von seiner schamanistischen Mutter jenseits von Schule, Dorfgemeinschaft  und Öffentlichkeit zum einzigen freien Tornedaler erzogen worden. Diese Gestalt wird in dem Roman kaum mehr greifbar – in einem dunkeln Dachzimmer wohnt sie, taucht in Stockholm auf, ist überall und nirgends, vereint in sich das ambivalente Potential dieser Kultur, nach der erlittenen Vergangenheit als Monster oder aber auch als Lichtgestalt in Erscheinung zu treten.

Leichter ist dieser Konflikt anhand zweier anderer Figuren zu beschreiben. Auf der einen Seite die Stockholmer Polizeibeamte Therese, die sich zunächst als fitnessgestählt und etwas arrogant in den Ermittlungen aufbaut, auf der anderen Seite Esaias, ein Torndedaler, der zunächst selbst zu den Verdächtigten gehört und der für die Wiederaneignung der eigenen Tradition in Sprache und Landschaftsbezug durch eine jünger Generation steht.

Dass die beiden ein Liebespaar werden, deutet die Perspektive an, die Neimi schließlich geradezu utopisch im Ausgang des Kriminalfalls projiziert. Am Ende kommen fast alle Figuren des Romans in einem Tanzfest zusammen. Nach und nach geben sie ihre Identität preis – und entpuppen sich letztlich alle als Torndedaler. Stadt und Land, Reichsschweden und Provinz, Welt und Dorf finden schließlich zueinander und der wahre Mörder bleibt wohl ungesühnt, weil es dem Recht für dieses Mal die Sprache verschlägt. Bei Niemi sind so viele spannende Figuren und Anekdoten in einer mythischen Überhöhung zusammengeführt, dass man diesen Ausblick nicht als Happy End, sondern als kulturelles Projekt anerkennen kann. Denn die offenen Fragen, die Schuld und die Ratlosigkeit, was denn wohl aus einer Region wie dem Tornedal werden mag, nachdem man es beinahe all seiner Spezifik beraubt hat, um es zu einem ordentlichen Teil des modernen Nationalstaates zu machen, überwiegen trotz allem.

Darin beweist der Roman seine Bedeutung über das Lokalkolorit hinaus: Die Provinzen, nachdem, sie unerbittlich verschlungen und begradigt worden sind, werden heute wieder ausgespieen und sich selbst überlassen. Der Erfolg der nationalen Angleichung ist letztlich der, dass die Menschen aus diesen Landstrichen wegziehen wollen: in die Metropolen, wo sich die vermittelten Werte am besten leben lassen. Diese Regionen, egal ob in Schweden oder anderswo, benötigen ihre Traditionen, um ihren Ort in der Welt neu zu finden. Aber sie brauchen auch die Teilhabe an den Gesellschaften jenseits der eigenen Region, um nicht im Verhängnis der Geschichte und der Enge des eigenen Mangels zu ersticken.

Kenneth Anders (2010)

Walther Kauer – Spätholz

Dienstag, 8. Dezember 2009

(1976)

Rocco Canonica ist ein alter Bauer im Tessin. Er steht für eine Landnutzung unter den Bedingungen des Mangels. Sein Wissen von der eigenen Landschaft ist filigran – ein Spiegel der knappen Ressourcen, bei deren Erschließung ein autopoietischer Prozess sichtbar wird. Beinahe unendlich fein ist die agrarische Arbeit ausdifferenziert: die mühsam angelegten Terrassenäcker, die komplizierten und verletzlichen Bewässerungssysteme, das Auf- und Absteigen der Berge in der Sennwirtschaft, das Melken einer Ziege, die Bedeutung einer einzigen guten Kuh für eine bäuerliche Familienexistenz. Die geschärften Sinne eines solchen Bauern scheinen jedem precision farming Hohn zu sprechen.

Der Autor schildert diese Lebensweise von ihrem Ende her. Die Söhne sind zur Arbeit am Staudamm verschwunden, an dem man Geld verdienen kann – und der das ganze Tal bedroht. In der Nachbarschaft tauchen die ersten solventen Wochenendhäusler auf – einem davon, einem Deutschen, ist Roccos Nussbaum im Weg, den sein Vater zu seiner Geburt gepflanzt hatte. Er versperrt den Blick ins Tal und soll per Gerichtsbeschluss gefällt werden.

In zweierlei Hinsicht ins Kauers Buch bemerkenswert.

Zum einen zeugt der Roman von einer intensiven Auseinandersetzung mit der landschaftlichen Praxis – mit der untergehenden und mit der entstehenden. Seine Genauigkeit macht den Autor nicht nur zu einem guten Chronisten, der immerhin Möglichkeiten des Lebens dokumentiert und aufbewahrt. Sie erschließt auch einen Reichtum in der menschlichen Umweltbeziehung. Sie zeugt von der Fähigkeit, sich die Dinge zeigen und erklären zu lassen und ist im Übrigen auch die redlichste Möglichkeit, jenen, deren Untergang in der Landschaft besiegelt ist, Respekt zu erweisen.

Zum anderen hat Kauer keinen sentimentalen Abgesang verfasst, auch wenn der Roman häufig als sozialkritische Fortschrittskritik rezipiert wurde. Denn dass die Kinder die Lebensweise ihrer Eltern, der alten Tessiner Bauern, aufgeben, wird in dem Roman nur zu verständlich. Die Lebenskultur des Mangels hatte nur wenig Spielraum für eigene Wege. Das Ende ist bitter, und doch ist die Vorstellung eines Rückwegs in die alten Verhältnisse eine beklemmende Vision. Ob sich das filigrane Ressourcenbewusstein der alten Kultur in einer neuen, nicht durch den harten Zug der Not gebundenen Kultur wieder aufgreifen lässt, bleibt eine unbeantwortete Frage.

Kenneth Anders

Bent Flyvbjerg: Rationality and Power: Democracy in Practice.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Bent Flyvbjerg zeigt in seinem Buch das Verhältnis von Macht und Politik in der städtischen Planung. Sein Buch ist empirisch um die Stadt Aalborg in Dänemark in der Zeit von 1977 bis 1995 aufgebaut. Der theoretische Ansatz macht das Buch zu einem wissenschaftlich anspruchsvollen Werk, das auf keinen Fall als leichte Bettlektüre zu empfehlen ist. Mit Bezug auf Machiavellis verita effetuale (der wirklichen Wahrheit), Nietzsches wirkliche Historie und Foucaults Machtkonzept analysiert Flyvbjerg die komplexen Beziehungen zwischen Vernunft und Macht. Er argumentiert, dass der Stadtplanungskonflikt in Aalborg eine Metapher der Moderne für das Kräftespiel von Vernunft, Macht und Demokratie ist.

Von 1977 bis 1995 diskutierte die Stadtverwaltung von Aalborg mit lokalen Unternehmern und insbesondere der Busgesellschaft der Stadt über die zukünftige nachhaltige Stadtplanung, die vier Elemente umfassen sollte: 1) Stadterneuerung, 2) Flächennutzung, 3) Verkehr und 4) Umwelt.

Die Personen, die am ersten Treffen teilnahmen, waren der Ingenieur, der Architekt und der Chef der Stadtplanung und der Direktor der Busgesellschaft von Aalborg. Zunächst gründete die Gruppe ein Leitungsgremium für das Projekt, deren einzige Mitglieder sie selbst waren. Ein Dreijahresplan wurde entwickelt. Das Aalborgprojekt sollte aus vielen Unterprojekten bestehen, die sich um den Hauptplan, das städtische Bussystem zu erweitern und zu reorganisieren, aufgebaut waren. Ein neuer Busterminal mit mehr als 2000 Busankünften und -abfahrten pro Tag war als zentraler Punkt des Projekts geplant.

Neben strukturellen und organisatorischen Gründen lässt sich die starke Rolle der Busgesellschaft auch auf individuelle Motive zurückführen, deren Anekdote mir besonders gut gefällt. Der sozialdemokratische Bürgermeister Marius Andersen, mit dem Spitznamen Bus-Marius, war vor seiner Politikerkarriere selbst bei der Busgesellschaft angestellt und ein enthusiastischer Verfechter des öffentlichen Verkehrs.

Der erste Konflikt entstand zwischen dem Architekten der Stadt und der Busgesellschaft über den Standort und die Größe des geplanten Busbahnhofs. Was ursprünglich nur eine Unstimmigkeit zwischen den Beteiligten war, verwandelte sich schnell in einen erbitterten Konflikt. Das führte zur Bildung von Fraktionen unter den Hauptakteuren und mündete schließlich in einem Stillstand des Projekts. Flyvbjerg beschreibt hier ausführlich, wie sich der Konflikt zwischen technischer Rationalität und Macht manifestierte.

In die nächste Planungsphase waren Geschäftsleute, Gewerkschaften, die Polizei, lokale und nationale Gutachter, die Medien und interessierte Bürger involviert. Sobald sich die betroffenen Bürger in der Arbeitsgruppe engagierten, kamen immer mehr Probleme auf. Die Geschäftsleute immer unzufriedener mit dem ursprünglichen Stadterneuerungsplan, woraufhin der Plan auf die Hälfte reduziert wurde. Es sollte ein Busbahnhof gebaut werden, der den Interessen sowohl der Stadt als auch den Geschäftsleuten Genüge leisten sollte. Gerade als die Pläne verabschiedet waren, begann sich die dänische Umweltschutzbehörde für die Umweltwirkungen des Busbahnhofes zu interessieren und forderte die Prüfung von Alternativen. Alternativstandorte für den Busterminal wurden im Sinne der Busgesellschaft als Auftraggeber „neutral“ evaluiert.

Nach elf Überarbeitungen des ursprünglichen Aalborgplans änderte die Industrie- und Handelskammer ihren ursprünglichen Standpunkt und argumentierte, dass die Umlenkung des Verkehrs aus der Innenstadt den Geschäftleuten sinkende Einkünfte bescheren würde. Daraus resultierten wieder neue Konflikte.

Als schließlich neu gewählte Stadtvertreter den ursprünglichen Plan aus der Schublade zogen, löste sich das Aalborgprojekt in eine Zahl von unzusammenhängenden Unterprojekten auf, von denen viele unbeabsichtigte Auswirkungen hatten. Flyvbjerg zeigt, dass die Politik der kleinen Schritte katastrophale Folgen zeitigte: statt den Autoverkehr zu reduzieren, stieg er um 8%; statt ein integriertes System von Fahrradwegen zu errichten, wurden unverbundene Streckenabschnitte gebaut; statt Verkehrsunfälle zu reduzieren, stieg die Zahl der Todesopfer und Verletzten um 40%; statt den Lärm zu reduzieren, zeigten Messungen, dass der Lärmpegel in Aalborgs Innenstadt die dänischen und internationalen Grenzwerte wesentlich überschritt; und schließlich blieb die Luftverschmutzung konstant, mit gestiegenem Ausstoß von Ruß- und Schwebstaubpartikeln. Einen Erfolg konnte der Plan aber verzeichnen: er wurde im Mai 1995 den „European Planning Prize“ der EU für die Entwicklung einer innovativen, demokratischen Stadtpolitik und -planung mit besonders guter Beteiligung von Bürgern und Interessengruppen ausgezeichnet.

Heute steht der Busterminal – allgemein „Mariusdenkmal“ (Marius Minde) genannt – genau dort, wo ein Monument der Macht stehen sollte: im historischen Kern von Aalborg.

Astrid Artner

Knut Hamsun: August Weltumsegler (1930)

Dienstag, 8. Dezember 2009

Eine norwegische Bucht mit einer kleinen Siedlung – ein paar Fischer, ein paar Bauern, ein Kramladen. Die Jahre gehen nicht schlecht, immer wieder sind Heringsschwärme in die Netze gegangen. Da kommt August heim: ein schillernder Seefahrer, der die ganze Welt gesehen hat – zumindest behauptet er das.

August ist ein selbstloser Lügner, ein umtriebiger Kerl, der eine Idee nach der nächsten ins Dorf schleift. Er will modernisieren, die Bucht voranbringen. Die Leute hier, die nichts wagen und sich nicht für das interessieren, was die Welt bewegt, sind seine Herausforderung. Schlitzohrig und gemeinnützig balanciert er sich und seine Nachbarn über Abgründe. (weiterlesen…)