Archiv für Dezember 2009

Die schwere Kolonie. Das Oderbruch.

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Gemüsegarten Berlins und Paradies für Raumpioniere. Collage aus einer Landschaft in Berlins naher Ferne

Hintergrund
„Kulturland Brandenburg“ förderte 2008 Projekte, die Berlin-Brandenburgische Landschaften unter dem Leitmotiv „Provinz und Metropole – Metropole und Provinz“ verarbeiten. Gemeinsam mit Andreas Röhring vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) realisierte das Büro für Landschaftskommunikation eine Bühnencollage, die die besondere Beziehung des Oderbruchs zur Stadt und zu staatlicher Obrigkeit in Potsdam und Berlin verdichten sollte. Dabei entstand eine Bühnenproduktion aus Theater, Bild- und Soundcollage. Für diese Entscheidung sprach vor allem die Erfahrung, dass sich Konflikte in der Landschaft besser in Form von Geschichten kommunizieren lassen.

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Trasse im Oderbruch

Dienstag, 8. Dezember 2009

Ein Abschnitt der „Lausitz-Oder-Trasse“, vom damaligen Verkehrsminister liebevoll „LOT“ genannt

1. Zeitraum: 1999-2004

2. Objekt/Thema: Der brandenburgische Verkehrsminister trat im Jahre 1999 mit Plänen zum Bau einer großen Transitstraße an die Öffentlichkeit, die das Oderbruch genau mittig in Richtung Polen zerschneiden sollte. Diese Pläne trafen in der Landschaft auf erheblichen Widerstand, zumal man das Vorgehen des Ministeriums von einem anderen Straßenbauprojekt her bereits kannte und fürchtete: von der „Lausitz-Oder-Trasse“, einer dreispurigen Schnellstraße, die letztlich Schwedt mit Frankfurt-Oder verbinden sollte. Diese Maßnahme wurde seinerzeit nicht als zusammenhängende Trasse geplant, sondern als eine Kette von Umgehungsstraßen. Dieser Taktik verdankt Ostbrandenburg heute einen losen Rhythmus einzelner Schnellstraßen in Nord-Süd-Richtung, die unvermittelt in der Landschaft beginnen und wieder aufhören. Seinerzeit wussten die Gegner dieser Straße kaum ein Mittel, jenseits lokaler Betroffenheit Widerstände zu mobilisieren, Solidarisierungseffekte blieben weitgehend aus. Dieses Problem zieht sich bin in die heutige Auseinandersetzung über die fehlenden Streckenabschnitte. Bei der geplanten Oderbruchtrasse war die Ausgangslage nun durchaus anders, zumal die Zerschneidung der Landschaft in etwa mittig Richtung Güstebieser Loose erfolgen sollte und insofern geradezu monumentalen Charakter hatte. (weiterlesen…)

Waldschlösschenbrücke Dresden

Dienstag, 8. Dezember 2009

Abbildung: Die geplante Waldschlösschenbrücke (Visualisierung/Copyright: HRA – Henry Ripke Architekten; http://www.sz-online.de/special/wsb/fotos.asp?artikel=1598407)

1. Zeitraum: Die Diskussion flammt seit mehr als 100 Jahren [!] immer mal wieder auf; sehr intensive Auseinandersetzungen seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts

2. Objekt/Thema: Die Waldschlösschenbrücke soll die vorhandenen vier Straßenbrücken über die Elbe im Dresdner Stadtgebiet ergänzen. Sie ist eines der prominentesten Dresdner Bauprojekte und wird seit Jahrzehnten heftig diskutiert.

Das Vorhaben, eine weitere Elbquerung in Dresden zu bauen, hat bedeutende ökologische Dimensionen. Die Brücke wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach erheblich auf die Qualität des Landschaftsraums Elbtal, auf die Zusammensetzung, den Umfang und die räumliche Verteilung des Dresdner Stadtverkehrs sowie auf die Attraktivität von Wohn- und Gewerbestandorten im Dresdner Stadtgebiet und darüber hinaus auswirken.

Ausgewählte Etappen des Diskussions- und Entscheidungsprozesses: (weiterlesen…)

AG kulturlandschaftliche Diskurse

Dienstag, 8. Dezember 2009

Ein Anlauf zur Schärfung des Kulturlandschaftsbegriffes und zwei daraus abgeleitete Vorhaben

Freising, Oktober 2007

1. Begriffsbestimmung

Gemeinsam zum Thema Kulturlandschaft zu arbeiten ist schwierig, weil das Gegenstandsfeld unendlich ist. Man kann über die historische Prägung dieses spezifisch deutschen Wortes forschen, verschiedene Vorstellungen und Ideologien herausarbeiten, empfundene Handlungsräume beschreiben oder schlicht verschiedene menschlich besonders geprägte Räume inventarisieren. Ein gemeinsames Thema oder Problem liegt nicht vor, vielmehr gerät man mit der Rede von Kulturlandschaft in eine Reihe von Grauzonen, die nicht eben die wissenschaftliche Klarheit fördern: die fehlende Abgrenzung von „Kulturlandschaft“ und „Landschaft“, die ungeklärte normative Konnotation des Wortes und schließlich der reichhaltige semantische Hof (bestehend aus Heimat, Schönheit und Biedermeier). Sollte innerhalb der IALE unter einem solchen Begriff eine Arbeitsgruppe formiert werden, die in einen fruchtbaren Dialog zur Landschaftsökologie treten kann, verlangte dies eine Klärung. (weiterlesen…)

Treffen zum Kulturlandschaftsbegriff

Dienstag, 8. Dezember 2009

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2. April 2007, 10-15 Uhr, FH Eberswalde

Teilnehmer: Reinhard Klenke (GNL Kratzeburg), Astrid Artner (ZALF Müncheberg) Lars Fischer (Büro für Landschaftskommunikation), Andreas Vetter (IRS Erkner), Gerd Lutze (ZALF Müncheberg), Uta Steinhardt (FH Eberswalde), Kenneth Anders (Büro für Landschaftskommunikation)

Vorbemerkung: Das Treffen geht auf den Arbeitskreis Kulturlandschaft der IALE-D zurück, innerhalb dessen es ursprünglich stattfinden sollte. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass der Kulturlandschaftsbegriff eine politische und wissenschaftliche Renaissance erlebt, ohne dass präzise geklärt ist, was unter Kulturlandschaft zu verstehen ist, so dass für eine Wissenschaftlergruppe keine gemeinsame Fragestellung aus ihm hervorgeht. Die politische Attraktivität des Begriffs steht in keinem ausgewogenen Verhältnis zur Vielschichtigkeit seines Gebrauchs. Die Initiatoren (Astrid Artner, Kenneth Anders und Uta Steinhardt) waren sich darüber einig, dass eine Verständigung über dieses Verhältnis notwendig ist, sofern in der umweltbezogenen Forschung der Kulturlandschaftsbegriff eine zentrale Rolle spielen soll.

Im Vorfeld waren neun Fragen an die Interessenten verschickt worden:

  1. Wo hat der Kulturlandschaftsbegriff für Sie seinen genuinen Ort, seine glaubwürdigste Funktion? Ist er eher ein wissenschaftlicher Begriff, ein politisches Konzept, eine ästhetisch-philosophische Anschauung, eine Idylle oder ganz etwas anderes?
  2. Wo würden Sie die Grenzen von “Kulturlandschaft” zu anderen Begriffen sehen, mit denen Räume, Gebiete und Systeme gefasst werden? Gibt es einen Gegenbegriff zu Kulturlandschaft? Welcher ist das und warum?
  3. Ist “Kulturlandschaft” ein Sonderfall von “Landschaft” bzw. in welchem Verhältnis stehen beide Begriffe? Gibt es eine menschlich überformte Landschaft, der Sie den Status einer Kulturlandschaft absprechen würden? Gibt es für Sie eine “ideale” Kulturlandschaft?
  4. In welchen Spielarten kann man den Kulturlandschaftsbegriff verwenden (z.B. deskriptiv, analytisch, normativ, etc.)? Wie verwenden bzw. verstehen Sie ihn bei Ihrer Arbeit und umgangssprachlich?
  5. Braucht die Wissenschaft den Kulturlandschaftsbegriff? Ist der Kulturlandschaftsbegriff ein sinnvolles heuristisches Konzept?
  6. Oder ist “Kulturlandschaft” vielmehr ein Konzept zur Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an die Politik und politischer Inhalte an die Öffentlichkeit? Kann der Begriff für den Transport wissenschaftlicher Ergebnisse an Politik und Gesellschaft fruchtbar gemacht werden? Sollte er das überhaupt?
  7. Gibt es inhaltliche Verknüpfungen des Kulturlandschaftsbegriffs zu anderen Konzepten wie Nachhaltigkeit”, “Biodiversität”, “Umweltverträglichkeit”, “sanfter Tourismus”, Regionalität?
  8. Ist Kulturlandschaft in Indikatoren und theoretischen Modellen greifbar oder gar messbar zu machen? Welche wären das?
  9. Welche Forschungsfragen interessieren Sie im Zusammenhang mit dem Kulturlandschaftsbegriff? (weiterlesen…)

Landschaft im Film: Into The Wild

Dienstag, 8. Dezember 2009

Regie: Sean Penn, USA, 2007

Ein junger Mann bricht aus seiner Familie aus, verwischt alle Spuren und wird zum Tramp. Er verschenkt und verbrennt sein Geld, verlässt die Wohnung, versteckt das Auto und begibt sich in einen Rausch von Freiheit und Selbsterfahrung. Unter dem Pseudonym „Alexander Supertramp“ reist er per Anhalter und blinder Passagier über zwei Jahre durch die die Vereinigten Staaten.

Die Reise, anfangs ein scheinbar zielloses Streunen, hat eine Richtung – sie zielt nach Norden, nach Alaska: into the wild. Erzählt wird sie als ein kurzes Leben von Geburt, Jugend, Erwachsensein und Weisheit.

In dem Film spielt Landschaft eine bedeutende Rolle. Die amerikanischen Szenerien der Wüsten, der reißenden Flüsse, der schroffen Felsmassive und monumentalen Windkraftfelder sind von erhabenen Sonnenuntergängen beleuchtet. Die Städte erscheinen als Not leidende und Leiden verursachende Gegenwelt zu diesem mächtigen Panorama.

Was zunächst wie der romantische Kontrast eines Roadmovies anmutet, das durch die Nationalparke der Staaten zu führen scheint, offenbart im Verlaufe des Films eine abgründige Dynamik. Je offensichtlicher die seelische Not des Reisenden wird, umso weiter wird er in die verheißungsvolle Wildnis getrieben. Immer deutlicher tritt die Unfähigkeit hervor, seinen Eltern zu verzeihen – im selben Maße wächst die Sehnsucht nach völliger Unabhängigkeit, die jede menschliche Begegnung zum Abbruch drängt. Als Alexander seine Freiheit in Alaska endlich erlangt, verliert sich der Rückweg. Erst hier, in der letzten Konsequenz, im Tod, löst sich die Spannung.

Ein ungewöhnlicher und gekonnter filmästhetischer Umgang mit Landschaft – keine Robinsonade, keine bloße Kulisse. Die Landschaft wird Ausdruck der Seele – und so lange ein Raum der Einsamkeit, wie ihre soziale Dimension verschattet ist.

Kenneth Anders

Walther Kauer – Spätholz

Dienstag, 8. Dezember 2009

(1976)

Rocco Canonica ist ein alter Bauer im Tessin. Er steht für eine Landnutzung unter den Bedingungen des Mangels. Sein Wissen von der eigenen Landschaft ist filigran – ein Spiegel der knappen Ressourcen, bei deren Erschließung ein autopoietischer Prozess sichtbar wird. Beinahe unendlich fein ist die agrarische Arbeit ausdifferenziert: die mühsam angelegten Terrassenäcker, die komplizierten und verletzlichen Bewässerungssysteme, das Auf- und Absteigen der Berge in der Sennwirtschaft, das Melken einer Ziege, die Bedeutung einer einzigen guten Kuh für eine bäuerliche Familienexistenz. Die geschärften Sinne eines solchen Bauern scheinen jedem precision farming Hohn zu sprechen.

Der Autor schildert diese Lebensweise von ihrem Ende her. Die Söhne sind zur Arbeit am Staudamm verschwunden, an dem man Geld verdienen kann – und der das ganze Tal bedroht. In der Nachbarschaft tauchen die ersten solventen Wochenendhäusler auf – einem davon, einem Deutschen, ist Roccos Nussbaum im Weg, den sein Vater zu seiner Geburt gepflanzt hatte. Er versperrt den Blick ins Tal und soll per Gerichtsbeschluss gefällt werden.

In zweierlei Hinsicht ins Kauers Buch bemerkenswert.

Zum einen zeugt der Roman von einer intensiven Auseinandersetzung mit der landschaftlichen Praxis – mit der untergehenden und mit der entstehenden. Seine Genauigkeit macht den Autor nicht nur zu einem guten Chronisten, der immerhin Möglichkeiten des Lebens dokumentiert und aufbewahrt. Sie erschließt auch einen Reichtum in der menschlichen Umweltbeziehung. Sie zeugt von der Fähigkeit, sich die Dinge zeigen und erklären zu lassen und ist im Übrigen auch die redlichste Möglichkeit, jenen, deren Untergang in der Landschaft besiegelt ist, Respekt zu erweisen.

Zum anderen hat Kauer keinen sentimentalen Abgesang verfasst, auch wenn der Roman häufig als sozialkritische Fortschrittskritik rezipiert wurde. Denn dass die Kinder die Lebensweise ihrer Eltern, der alten Tessiner Bauern, aufgeben, wird in dem Roman nur zu verständlich. Die Lebenskultur des Mangels hatte nur wenig Spielraum für eigene Wege. Das Ende ist bitter, und doch ist die Vorstellung eines Rückwegs in die alten Verhältnisse eine beklemmende Vision. Ob sich das filigrane Ressourcenbewusstein der alten Kultur in einer neuen, nicht durch den harten Zug der Not gebundenen Kultur wieder aufgreifen lässt, bleibt eine unbeantwortete Frage.

Kenneth Anders

Landschaftsentwicklung im BR Südost Rügen

Dienstag, 8. Dezember 2009

Blick von Granitz zum Mönchgut. Wem gehört die Gestaltungsmacht für die Landschaft?

1. Zeitraum: Seit Mitte der 1990er Jahre bis in die Gegenwart

2. Objekt/Thema: Der strittige Landschaftsraum ist das von allen Konfliktbeteiligten als einzigartig wahrgenommene Mönchgut im äußersten Südosten Rügens und das im Norden sich anschließende Buchenwaldgebiet der Granitz. Vor allem die kulturell und ästhetisch reizvolle (reiche Kulturgeschichte der Fischer-Bauern, Strukturvielfalt der Landschaft) sowie naturräumlich besonders ausgestattete Halbinsel Mönchgut (aktive Außenküsten mit Kliffs und Haken, Sandtrockenrasen, Salzwiesen etc.) steht im Focus der Auseinandersetzungen. Dieser Bereich des Biosphärenreservates Südost Rügen gehört seit vielen Jahrzehnten zu den touristischen Highlights der Insel Rügen und der gesamten deutschen Ostseeküste. (weiterlesen…)

Helmut Lemke: Im Spiegelbild des Blättertanzes…

Dienstag, 8. Dezember 2009

– Über den Hörwert

Klänge, acht hölzerne Hörrohre, der Wanderweg gelber Vogel, Länge 7,5 km, Standort: Steinmühle bei Carpin, 2000

Hörort bei Steinmühle (Foto: Wolf-Dietrich Gerhardt, Neustrelitz)

Diese unscheinbare Arbeit mit dem Klang einer Landschaft entstand im Rahmen des Kunstringes um den Müritz-Nationalpark in der Nähe des Jugendwaldheims Steinmühle, dem Umweltbildungszentrum im Serrahner Teil des Nationalparks südöstlich von Neustrelitz. Mit schwer zu übersehenden Hörrohren auf verscheiden hohen hölzernen Stangen entlang des Wanderweges gelber Vogel hat der Klangkünstler und Improvisationsmusiker Helmut Lemke Orte gekennzeichnet, an denen es sich zu hören lohnt. Der Weg führt von Steinmühle am Grünower See entlang durch einen Buchwald, vorbei an einem kleinen Feuchtgebiet, hinaus aufs Feld, in eine Siedlung hinein, von dort zurück in den Wald, streift eine Kernzone des Nationalparks und endet wieder an der alten Mühle.

„Ausgehend von der Steinmühle“, schreibt Helmut Lemke über seine Arbeit, „wandere ich diesen Weg jeden Tag ganz oder teilweise zu unterschiedlichen Tageszeiten. Ich suche Klänge. Sie sind verschieden – überraschend und erwartet. An manchen Tagen ist die Stille ohrenbetäubend. Kleine Bäume sind geschwätziger als große. Entscheidend ist der Wind – ich erlebe meist windstille Tage. Vögel (so wurde mir gesagt) werden stiller im August. Der Mythos Wildschwein kracht im Unterholz. … Gehen selbst ist laut… Schritte, Kleidung, Atmung…verschiedene Böden, Sand, Waldboden, Stein, Stoppelfelder…Der Nationalpark klingt. Ich möchte dem nichts hinzufügen. Für viel spannender halte ich es die Klänge dieser Landschaft zu suchen, zu sammeln und ihnen eine künstlerische Form zu geben.“More…

Tagebuchaufzeichnung mit Sonografik von Helmut Lemke

Die Arbeit „Über den Hörwert“ ist ein Angebot, wie Besucher und Einheimische aus dem materiellen Nicht-Nutzen der Natur, wie er im Nationalpark Müritz angestrebt wird, ein ästhetischer Nutzen gezogen werden kann. Ein flüchtiger zwar, aber dafür einer der sich nicht verbraucht.

Jede Landschaft – die Menschen in ihr immer mitgedacht – hat ihren Klang. Diese Dimension hilft Helmut Lemke mit einfachen künstlerischen Mitteln zu erschließen. Ist es möglich die Landschaftsgeschichte zum klingen zu bringen? Klänge lassen Bilder entstehen. Bodenproben belegen, dass die Buchenwälder um Steinmühle einmal Ackerland waren. Wie klingt aufreißende Erde, wenn der Hakenpflug durch sie fährt?

Das in Steinmühle entstandene Tagebuch, in dem Helmut Lemke die Erfahrungen seiner GeHörGänge festgehalten und mittels Sonografiken (Computerbilder von Klängen) zu visualisieren versucht hat, kann für den reflexiven Aspekt seiner Kunst stehen.

Für den Improvisationsmusiker Helmut Lemke sind die Klänge eines Ortes immer auch – vielleicht sogar in erster Linie – eine Aufforderung, mit ihnen zu spielen, um den Charakter einer Gegend zu erforschen. Auf der Abschlussveranstaltung zum Künstlerpleinair in Steinmühle spielte er nicht nur auf langen über den See gespannten Sehnen, gemeinsam mit seinem Künstlerkollegen Claus van Bebber, versammelte er auch die Musik- und Klangkulturen der Region – vom Kinderchor über Jagdbläser und Konzertgitarre bis hin zu schwimmenden Plattenspielern, die Vogelstimmen wiedergeben, und scheppernden Fahrrädern, die über Kopfsteinpflaster fahren. Was lässt sich über Klang von einer Landschaft erfahren? Wie klingt eine Landschaft, wenn man die Bevölkerung darum bittet, ein akustisches Statement zu geben: wie klingt ihr Leben?

Lars Fischer

Tatsuo Inagaki: Mein Platz

Dienstag, 8. Dezember 2009

12 Holzschilder je 1,5 x 1,5 m

Standort: Wanderweg zwischen Bergfeld und Carpin, 2000

Gemeindegrenzen schreiben sich in die Landschaft ein und bleiben für Fremde meist unerkannt.

„Hier sah ich 1000 Hirsche und Wildschweine.“ „Hier verlief früher die Ortsgrenze. Sie war durch eine dichte Hecke gekennzeichnet. Die Hecke wurde abgeholzt, weil man für die modernen Landmaschinen große Flächen brauchte.“ „Ich kannte den Baum seit Jahren und war sehr erschrocken, daß er vom Wind umgeworfen war.“

Zwischen Bergfeld und Carpin. Hier. An diesem Ort. Ein ausgestreckter Finger, eine Hand, ein gestreckter Arm; Gesten hinein in die Landschaft, die Heimat ist. Einem Japaner werden Geschichten erzählt über die Steine auf den Äckern, die die Maschinen zerbrachen, über Felder, die nicht mehr genutzt als Unland da liegen, über versteckte Ostereier, über den Tod – Geschichten über Natur als Lebensraum des Menschen, über die Spuren, die er in ihr hinterlässt, wie die Natur in ihm. Der Japaner hört zu, lässt sich die Erzählung ins Englische übersetzen, und macht sich japanische Notizen. Er sammelt die Geschichten, schreibt sie auf Holzschilder und stellt sie wieder in die Landschaft. Jemand kommt vorbei und beginnt zu lesen…More…

Natur ist, schreibt der Soziologe Klaus Eder (1998), was durch Kommunikation erreicht werden kann. Und fährt fort: Natur, die nicht kommuniziert wird, existiert für die Gesellschaft nicht (was in den Hirnen der einzelnen sich befindet, ist noch mal eine andere Frage). Die öffentliche Debatte über Natur ist geprägt durch wissenschaftliche Begriffe wie Grenzwert, Biotop, Schadstoffeintrag, Ökosystem, Ressource, Entropie etc. Was aber könnten wir noch über Natur erzählen (oder malen, oder komponieren…)?

Wissen wir oder glauben wir zu wissen, was die Landschaft ausmacht?

Tatsuo Inagaki definiert seine Kunst als Feldforschung. Ein Begriff der aus der Völkerkunde stammt. Die Frage, die MEIN PLATZ aufwirft heißt, was kann ich mittels ästhetischer Arbeit über die soziale Konstruktion fremder Landschaften erfahren und wie verändert sich die Wahrnehmung der Landschaft bei Dritten, wenn diese Konstruktion öffentlich gemacht wird.

Der Ausgangspunkt des Projektes MEIN PLATZ von Tatsuo Inagaki, das im Rahmen des Kunstringes am Müritz-Nationalpark realisiert wurde, ist der Graben, der sich zwischen Ding und Begriff auftut, wenn bestimmte Phänomene, sinnliche Erscheinungen oder Gefühle in Worten wiedergegeben werden. Seine ästhetischen Feldforschungen sind der Versuch, diesen Graben durch Zeit und Raum zu überbrücken. Die gesammelten und aufgeschriebenen Geschichten verweisen am Wegesrand auf kulturell besetzte Orte in der Landschaft. Dem Leser obliegt es, die in Worte gefassten Geschichten in die Landschaft zurück zu übersetzen. Ästhetische Spurensuche, die nicht nur für die Landschaft und ihre Besonderheiten sensibilisiert, sondern erahnen lässt, was sie für die Menschen, die hier leben, ist und wie sie in ihr zu leben gewohnt sind.

Lars Fischer