Archiv für August 2010

Susan Beth Pfeffer: Die Welt wie wir sie kannten

Montag, 9. August 2010

Roman. Aus dem Englischen von Annette von der Weppen. Carlsen Verlag Hamburg, 2010

Obwohl der Roman wie ein waschechtes Jugendbuch geschrieben ist – als Tagebuch eines sechzehnjährigen Mädchens in Philadelphia – entfaltet er in einer bemerkenswerten Dichte zivilisatorische Ängste. Die Geschichte beginnt mit Sprachwitz und Sinn für die Sorgen einer amerikanischen Highschoolschülerin. Miranda erzählt über ihre alltäglichen Sorgen: Der geschiedene Vater ist weit weg und gründet gerade eine neue Familie, der geliebte große Bruder ist zum Studium ebenfalls außer Haus. Gemeinsam mit der Mutter und dem kleinen Bruder erlebt sie die Konflikte einer amerikanischen Kleinstadtjugend: Eine Freundin ist in der evangelikalen Kirche entrückt, die andere steckt mitten in den ersten sexuellen Abenteuern, Miranda selbst wird von Unsicherheiten geplagt. Da passiert das Unvorstellbare: ein Komet schlägt auf dem Mond ein und verändert dessen Umlaufbahn. Während die Leute noch auf der Straße stehen, um das astronomische Ereignis wie eine der üblichen Sonnenfinsternisse zu bewundern, nimmt die Katastrophe ihren Lauf: Tsunamis, Erdbeben und eine nicht enden wollende Vulkantätigkeit setzten die amerikanischen Küsten unter Wasser, verdüstern die Atmosphäre, fordern Millionen Tote und beenden mit einem Schlag das globale Wirtschaftsleben.

Was zunächst wie eine allzu steile Ausgangsidee daherkommt, wird nun als ein Science-Fiction-Kammerspiel mit großer Sorgfalt durchgespielt. Im Mittelpunkt steht das Energieproblem. Erdöl und Erdgas versiegen bald, nach den sofort einsetzenden Hamsterkäufen in den Supermärkten kommt die Lebensmittelversorgung völlig zum Erliegen. Bald setzt auch die Stromversorgung aus und schließlich versiegt sogar der mediale Informationsfluss: Das Telefon ist tot, das Internet entfällt mit der Elektrizität, aus dem Kofferradio dringt nur noch ein Rauschen. Alle gesellschaftlichen Systeme brechen zusammen, irgendwann bleibt die Post zu, die Schulen geben den Betrieb überwiegend auf, das Krankenhaus schließt nach einer verheerenden Grippeepidemie, die nochmals viele Tote fordert. Viele Familien schlagen sich in den Süden durch, wo es besser sein soll, die Vereinigten Staaten fallen jedoch auseinander und bewachen ihre Grenzen mit militärischem Aufwand, Flüchtlingscamps entstehen mitten in den USA. Die Häuser, in denen die Bewohner verendet sind, werden sofort geplündert, das staatliche Gewaltmonopol lässt nichts mehr von sich hören. Miranda steht mit ihrer Familie vor der Aufgabe, in der ungewissen Hoffnung auf eine Besserung der Situation die Wintermonate mit den gehorteten Konserven zu überleben. Das Leben kreist um immer knapper werdende Fertigsuppen, Dosengemüse, Aspirin, Batterien und Brennholz. Schokolade wird zu einem unvorstellbaren energetischen Luxus. Der Kontakt zu den fernen Angehörigen, so sie nicht gestorben sind, bricht ab. Man begleitet die Familie in ihren Ängsten und sieht ihnen beim täglichen Hungern zu: Immer weiter schränken sie ihre Mahlzeiten ein, immer enger müssen sie im Haus um den einzigen Ofen zusammenrücken, der ihnen im Gegensatz zu anderen Haushalten einen großen Überlebensvorteil sichert. Der tägliche Aktionsradius wird in Kälte und Schnee immer kleiner, es fehlt jede greifbare Hoffnung, Angst bestimmt den Alltag. Mitunter gibt es Freuden: eine wundersam auftauchende Schachtel Pralinen als Geburtstagsgeschenk für die Mutter, die abendlichen Spiele, das gemeinsame Singen, weil man die sich immer weiter ausbreitende Stille sonst kaum noch ertragen würde. Die Kinder werden in wenigen Monaten erwachsen und sie lernen, sich und ihr Leben inmitten der Not zu lieben. Je leerer es in der Speisekammer wird, umso klarer wird dieses Vermögen, trotz der Verzweiflung persönliches Glück zu empfinden. Zuweilen ist man an Berichte von Zeitgenossen früherer Entbehrungen erinnert.

Ob sich ein katastrophaler Zusammenbruch Weltwirtschaft wirklich in der beschriebenen Weise auswirken würde, kann man in einigen Punkten bezweifeln. So ist z.B. Annahme, dass sich die Familien wie kleine Trutzburgen mit ihren Vorräten gegeneinander vollkommen abgrenzen und isolieren, in einigen Hinsichten fragwürdig. Der Roman verzichtet auf spontane außerfamiliäre Lern- und Kommunikationsprozesse, auch werden spontane Resozialisationen, von denen bestimmt einige zu erwarten wären, nicht durchgespielt. So könnte man ebenso mit einer schnellen Reaktivierung regionaler Tausch- und Handelsbeziehungen rechnen wie auch mit der Herausbildung – wahrscheinlich unangenehmer – lokaler Herrschaftsformen, da das staatliche Gewaltmonopol nicht mehr herrscht. Lediglich die Gefahr von räuberischen Übergriffen  wird plastisch beschrieben.

Diese Fragen sind spannend, denn ein viele der Systeme, in denen wir heute leben, basieren eben auf der energetischen Absicherung überregionaler Versorgungs- und Informationsströme, ihr Zusammenbruch würde lokal sehr verschiedene Folgen zeitigen. Allerdings wäre es verfehlt, der Autorin diese Konzentration auf eine Kleinfamilie zum Vorwurf zu machen. Ihr ist mit gut beschriebenen Protagonisten ein eindrückliches Bild gelungen, dass uns vor Augen führt, was von unserer Welt übrig bleibt, wenn sich der Tropf, an den wir sie angeschlossen haben, schließt: fast nichts, fürs erste jedenfalls. Wem immer die Behaglichkeit der Hobbits im Auenland als aussichtsreiche Perspektive für die Epoche der Nachhaltigkeit erscheint, muss sich darauf einstellen, dass es einige Generationen braucht, bis man sie vielleicht erreicht hat. Bis dahin ist das Leben eher trostlos – und ziemlich gefährlich.

Kenneth Anders

Mikael Niemi: Der Mann, der starb, wie ein Lachs

Montag, 9. August 2010

Roman. Aus dem Schwedischen von Dr. Christel Hildebrandt. btb-Verlag 2009

In seinem Erstlingswerk „Popularmusik aus Vittula“ hatte Niemi seine  Heimatregion, das nordschwedische Tornedal, wie durch ein Kaleidoskop beschrieben. Mannigfache Eindrücke wurden hier wiedergegeben, manche sind abgründig, andere komisch und wieder andere rätselhaft, alle sind durch die Perspektive der Kindheit bestimmt. „Der Mann, der starb wie ein Lachs“ wirft dagegen einen wesentlich politischeren Blick auf diese Region und bedient sich dafür der Kriminalgeschichte.

Zentrales Thema ist der hier gesprochene Dialekt, das Miänkeli, das als finnische Mundart durch lokalen Gebrauch und zahlreiche Lehnwörter aus dem Schwedischen geprägt ist. Obwohl das Tornedal de facto „immer“ zu Schweden gehört hat, steckt die Bevölkerung in einem komplizierten Minderheitenkonflikt, der vor allem durch diese Sprache vermittelt ist. Die Anerkennung ihrer Kultur wurde im Reichsschweden Jahrhunderte lang verweigert. In den Schulen wurde nur Schwedisch unterrichtet, die Minderheit fühlte sich gerade in ihrer Muttersprache minderwertig. Der vom Nationalstaat ausgeübte Druck zeitigte über die Jahrzehnte Wirkung: Viele Tornedaler ließen ihre finnischen Namen ins Schwedische übersetzen und erzogen ihre Kinder in Schwedischer Sprache, die sie selbst nur mühsam angelernt hatten. Dadurch gehen viele Bedeutungen und Facetten der Landschaft und ihrer Lebensart verloren, nicht zuletzt die Wärme und Sicherheit der Muttersprache. Die Rehabilitation des Miänkeli in der Gegenwart kommt für Vieles und Viele zu spät: Die Kinder der dritten Generation beherrschen es kaum noch, entsprechend dem allgemeinen demografischen Trend träumen sie von Stockholm und der weiten Welt und zeigen kaum Bedürfnisse an den lokalen Ausdrucksformen. Niemi gelingt es in seiner Kriminalgeschichte, den damit verbundenen Verlust greifbar zu machen und in einer mythologischen Verdichtung eine atemberaubende Brücke zwischen Landschaft, Mensch und Sprache zu schlagen.

Ein alter Mann ist ermordet worden – auf martialische Weise aufgeschlitzt mit einem Lachsspieß. Die polizeilichen Untersuchungen stoßen auf zwei Fährten – entweder ist ein trivialer – wenn auch brutaler – Raubmord vorgefallen oder das Verbrechen hat etwas mit der ermordeten Person selbst und ihrer Stellung im Tornedal zu tun. Alle Nachforschungen zur Geschichte dieses Martin Udde führen in einen Sumpf an Schuld und Versagen. Die Ballung an Bösem, die dem Ermordeten schließlich anhaftet, ist kaum zu überreffen: Als Lehrer, Mitarbeiter der Jugendfürsorge und schließlich sogar beim Zoll hat Udde sein Unwesen getrieben und sich in der Region zu einer verhassten Person entwickelt. Seine tornedaler Wurzeln hat er wie mit dem Teufel ausgetrieben, um sie anschließend auch den ihm anvertrauten Menschen auf grausame und demütigende Weise zu nehmen. Dass er sogar Kinder misshandelt hat, scheint für einen plausiblen Krimi schon zu stark, aber Udde ist keine realistische Figur – er ist eher ein mythischer Agent des schwedischen Nationalstaates, der die Menschen dieser entlegenen Landschaft unterdrückt und vergewaltigt und ihnen ihre Lebensader abschneidet.

Dieser Figur ist eine noch stärker mythisch überhöhte Gestalt entgegengesetzt – ein Phantom, Uddes heimlicher Sohn, von seiner schamanistischen Mutter jenseits von Schule, Dorfgemeinschaft  und Öffentlichkeit zum einzigen freien Tornedaler erzogen worden. Diese Gestalt wird in dem Roman kaum mehr greifbar – in einem dunkeln Dachzimmer wohnt sie, taucht in Stockholm auf, ist überall und nirgends, vereint in sich das ambivalente Potential dieser Kultur, nach der erlittenen Vergangenheit als Monster oder aber auch als Lichtgestalt in Erscheinung zu treten.

Leichter ist dieser Konflikt anhand zweier anderer Figuren zu beschreiben. Auf der einen Seite die Stockholmer Polizeibeamte Therese, die sich zunächst als fitnessgestählt und etwas arrogant in den Ermittlungen aufbaut, auf der anderen Seite Esaias, ein Torndedaler, der zunächst selbst zu den Verdächtigten gehört und der für die Wiederaneignung der eigenen Tradition in Sprache und Landschaftsbezug durch eine jünger Generation steht.

Dass die beiden ein Liebespaar werden, deutet die Perspektive an, die Neimi schließlich geradezu utopisch im Ausgang des Kriminalfalls projiziert. Am Ende kommen fast alle Figuren des Romans in einem Tanzfest zusammen. Nach und nach geben sie ihre Identität preis – und entpuppen sich letztlich alle als Torndedaler. Stadt und Land, Reichsschweden und Provinz, Welt und Dorf finden schließlich zueinander und der wahre Mörder bleibt wohl ungesühnt, weil es dem Recht für dieses Mal die Sprache verschlägt. Bei Niemi sind so viele spannende Figuren und Anekdoten in einer mythischen Überhöhung zusammengeführt, dass man diesen Ausblick nicht als Happy End, sondern als kulturelles Projekt anerkennen kann. Denn die offenen Fragen, die Schuld und die Ratlosigkeit, was denn wohl aus einer Region wie dem Tornedal werden mag, nachdem man es beinahe all seiner Spezifik beraubt hat, um es zu einem ordentlichen Teil des modernen Nationalstaates zu machen, überwiegen trotz allem.

Darin beweist der Roman seine Bedeutung über das Lokalkolorit hinaus: Die Provinzen, nachdem, sie unerbittlich verschlungen und begradigt worden sind, werden heute wieder ausgespieen und sich selbst überlassen. Der Erfolg der nationalen Angleichung ist letztlich der, dass die Menschen aus diesen Landstrichen wegziehen wollen: in die Metropolen, wo sich die vermittelten Werte am besten leben lassen. Diese Regionen, egal ob in Schweden oder anderswo, benötigen ihre Traditionen, um ihren Ort in der Welt neu zu finden. Aber sie brauchen auch die Teilhabe an den Gesellschaften jenseits der eigenen Region, um nicht im Verhängnis der Geschichte und der Enge des eigenen Mangels zu ersticken.

Kenneth Anders (2010)