Archiv für Februar 2011

Warum die Landschaftsökologie eine Kunst braucht

Dienstag, 15. Februar 2011

Einführung zum künstlerischen Rahmenprogramm bei der 10. Jahrestagung der IALE-D

Vor einigen Jahren hörte ich auf einer Tagung einen landschaftsökologischen Vortrag. Der Referent sprach über sein disziplinäres Selbstverständnis. Die Landschaftsökologie, so führte er aus, müsse landschaftliches Steuerungswissen entwickeln. Sie könne als Wissenschaft nicht vorwegnehmen, welche Werturteile von der Gesellschaft gefällt würden, stattdessen sollte sie damit vorlieb nehmen, die Instrumente bereitzustellen, mit denen die normativen Entscheidungen der Gesellschaft nachher umgesetzt werden könnten. Hier die bewertende, dort die technologische Arbeit. Dass Landschaft auch ein analytisches und ein hermeneutisches Problem darstellt, ließ er gleich weg. Stattdessen reduzierte er das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft auf ein einfaches Bild: Die Landschaft sei ein Flugzeug, die Wissenschaft baue den Steuerknüppel und schreibe die dazu gehörige Gebrauchsanweisung, die Gesellschaft stelle den Piloten, und bei diesem handelt es sich um einen Politiker.

Nun hat schon Arthur Schopenhauer die Wahl eines schwachen Gegners als eristischen Kunstgriff enttarnt, zu dessen Gebrauch auch ich mich hiermit bekenne. Zugegeben: Die meisten Landschaftsökologen würden das Bild von Flugzeug, Pilot und Steuerknüppel lieber nicht gebrauchen, weil es ihnen dann doch offenkundig zu simpel ist. Aber es kann doch auch kein Zweifel daran bestehen, dass mit dem Verhältnis der Umweltwissenschaften (um den Kreis der hier gemeinten Disziplinen gleich etwas zu erweitern) zur Gesellschaft einiges im Argen ist.

Da ist auf der einen Seite die tiefe Prägung der ökologischen Wissenschaft durch die Ökologiebewegung, die sie mit einem großen normativen Gepäck ausgestattet hat. Über diese Bindung und die damit impliziten Werturteile wird zu wenig reflektiert. Dieses Defizit hat lange Zeit dafür gesorgt, dass Teile der Landschaftsökologie als Dienstleister des Naturschutzes auch den Fragestellungen und Ideologien der Naturschützer gefolgt sind und entsprechende blinde Flecken übernommen haben – etwa die völlig unzureichende Auseinandersetzung mit der praktizierten Landnutzung sowie der Abiotik und die damit einhergehende Fokussierung auf den Arten- und Biotopschutz.

Dann finden wir eine große Abhängigkeit der Umweltwissenschaften überhaupt von der Politik. Sie werden immer stärker als angewandte Wissenschaft wahrgenommen, ohne das die damit verbundenen Konsequenzen gezogen werden. Nur wenige haben sich in die Grundlagenforschung retten können, die meisten sind heute auf Förderstrukturen angewiesen, in denen die oben erwähnten normativen Entscheidungen längst vorweggenommen sind und von der Wissenschaft befolgt werden müssen. Das bedeutet, um im obigen Bild zu bleiben: Die Politik verlangt gar keinen universalen Steuerknüppel, mit dem man in alle Richtungen lenken kann. Sie gibt vielmehr vor, dass ein Steuerknüppel zu entwickeln ist, mit dem man nur in eine bereits vorher festgelegte Richtung fliegen kann. Indem die Geldgeber zusammen mit Sachverständigen definieren, auf welche Weise politische Konzepte wie Biodiversität oder Nachhaltigkeit gebraucht werden sollen, berauben sie die Forschung der Freiheit, diese Begriffe in einem eigenen kritischen Gebrach zu schärfen. Das kann für eine Wissenschaft auf Dauer nicht gut sein. Ich würde sogar behaupten: Wenn sich die Vertreter eines Fachs zu lange eine solche Zumutung gefallen lassen, erleben sie den Niedergang ihres Faches noch vor ihrer Verrentung.

Und schließlich erleben wir immer wieder das oben schon angedeutete und weit verbreitete Versprechen von Wissenschaftlern, sie könnten mit Forschungsmethoden Steuerungsprobleme in der Landschaft lösen. Man sollte so etwas nicht ausschließen, aber in meiner – zugegeben erst zehnjährigen – Erfahrung mit den Umweltwissenschaften handelte es sich dabei meistens um maßlose Übertreibungen, die allerdings gern von der Politik gehört wurden. Das mechanistische Versprechen des Steuerknüppels hat im Verlaufe der Jahre in der Politik eine immer naivere Vorstellung von dem gefördert, was eigentlich Umweltwissenschaften leisten können und sollen. Die Folgen sind in meinen Augen verheerend. Das aufklärerische  Mandat wurde diesen Disziplinen geradezu entzogen. Sozial-, Kommunikations- und Kulturwissenschaften werden zusehends als Agenturen für Public Relations missverstanden. Über Generationen erarbeitete Standards guter fachlicher Praxis in der Landnutzung werden immer weniger vermittelt und gehütet. Und, was in meinen Augen das Schlimmste ist: Das Versprechen eines unmittelbar nützlichen Steuerungswissens schwächt auf Dauer die Wissenschaftler selbst, nicht nur moralisch, sondern auch intellektuell. Denn wer einmal wissentlich etwas Falsches sagt, lügt. Wer es aber hundertmal sagt, glaubt am Ende selbst daran. So etwas ist nur möglich, indem man das eigene Reflexionsniveau senkt. Auf diese Weise verkommen methodische Apparate zu selbstreferentiellen Sprachspielen, die nach und nach das selbständige Denken und Wahrnehmen verschlingen: Datenbanken und Modelle, die um ihrer selbst willen gefüttert werden wollen, Befragungen, die an spezialisierte Institute outgesourct werden müssen, weil es für die Bearbeiter selbst unzumutbar geworden ist, sie selbst am Probanden durchzuführen, Szenarien, denen jede Plausibilität fehlt, die dafür aber bis auf die zehnte Stelle hinter dem Komma durchgerechnet worden sind.

Die Landschaft ist das Habitat des Menschen – durch Menschen geformter, aber in seiner Wirklichkeit nicht intendierter Raum, angeeignete Natur, hinter unserem Rücken gewachsene Struktur. Landschaft hat eine Eigendynamik und wesensmäßig kann sie keine einzelne Steuerungsinstitution aufweisen – denn als Landschaft bezeichnen wir keine Fläche von wenigen Quadratmetern im Besitz eines einzelnen Eigentümers. Landschaft ist geteilter Raum und dadurch komplex. Interdependente Handlungen und Rahmenbedingungen, die außerhalb des jeweiligen Raumgefüges liegen machen es unmöglich, einen Steuerungsknüppel zu installieren. Was wir haben sind vielleicht Spielräume und kleine Stellschrauben – aber sie müssen auch von den richtigen Leuten mit den richtigen Intentionen genutzt werden, wenn die Wissenschaft einen Einfluss auf die Landschaft haben will.

Die Landschaft als Kulturlandschaft steuerbar zu machen, sie als bewusst gestalteten Raum zu begreifen und zu entwickeln, ist eine Vision des 19. Jahrhunderts, denen wir Disziplinen wie etwa die Landschaftsplanung und auch die Blüte der Landschaftsökologie verdanken. Diese Vision hat sehr viel Gutes hervorgebracht: Wirkliches, fein aufgelöstes Wissen von der Funktionsweise vieler Ökosysteme, eine differenzierte Kenntnis der Folgen menschlichen Handelns in der Natur, außerdem planerische Ausgleichsmechanismen, die dem Wildwuchs des Naturverbrauchs hier und da etwas entgegensetzen können. Ich bin der Überzeugung, dass wir an der Vision einer gesteuerten Landschaftsentwicklung unbedingt festhalten müssen – und dass sich dieser Anspruch nur im Prinzip der Selbstorganisation von Handlungsräumen realisieren lässt.

Vor einigen Jahren diskutierte ich mit Wolfgang Zehlius-Eckert darüber, ob Landschaft einen Systemcharakter habe. Er hat dies damals verneint und ich musste ihm leider recht geben. Heute würde ich sagen: Landschaft hat keinen Systemcharakter, sie ist, im Gegenteil dabei, Systemqualitäten immer mehr zu verlieren. Denn die naturräumliche Bindung des Menschen und seiner Handlungen an den Naturraum, wird unter den Bedingungen der Globalisierung immer noch weiter aufgelöst. Die Ökosysteme werden fortlaufend gesprengt. Selbst der Ausbau regenerativer Energien wird in der Logik dieser Auflösung des Raums vollzogen, allenfalls einzelne Dörfer lassen Ansätze erkennen, diese Logik zu sprengen. Und die Politik organisiert immer weiter eine Vertikalisierung von landschaftsbezogenen Handlungen in europaweit organisierten Sektoren, so dass sich Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Naturschutz, Tourismus und Siedlung immer weiter voneinander segregieren, statt in einem gemeinsamen Raumbezug Landschaft wieder zu gestalten und somit ihr Selbstorganisationspotential zu erhöhen. Somit entstehen große Cluster einheitlich beherrschbarer Flächen.

Umso wichtiger erscheint mir der Anspruch, die Vision sich teilweise selbst organisierender kulturlandschaftlicher Handlungsräume endlich auszuformulieren. Dazu braucht es allerdings eine andere Wissenschaft als die oben holzschnittartig kritisierte – und es braucht den Diskurs, das kritische Denken und die Leidenschaft für den landschaftlichen Gegenstand. Ohne eine ehrliche Sicht auf die riesige Lücke, die zwischen dem Anspruch auf Steuerung und dem tatsächlichen Steuerungswissen besteht, wird es nie und nimmer gelingen, auch nur einen ernsthaften Beitrag zur nachhaltigen Landschaftsgestaltung zu leisten.

Für die zehnte Jahrestagung der IALE-D haben wir uns deshalb entscheiden, einen Versuch mithilfe eines nichtwissenschaftlichen Weltbezugs zu wagen – mit der Kunst. Christiane Wartenberg aus dem Oderbruch und Robert Lenz aus Berlin haben für uns Kunst-Honig vorbereitet, von dem ich sie hiermit reichlich zu kosten aufordere. Den Honig gibt es in zweierlei Gläsern.

Die einen sind von Christiane Wartenberg und sie enthalten auf Kaltnadelradierungen den Nektar, den die Wissenschaft aus der Landschaft saugt, indem sie ihre Begriffe und Daten darin generiert. Betrachten sie ruhig diesen Honig und lassen sie ihn sich einmal auf der Zunge zergehen: Ist er süß oder fad? Lässt er sich leicht streichen, ist er dünnflüssig oder ist er so kristallin geworden, dass man ihn gar nicht mehr aus dem Glas bekommt? Nehmen sie sich die Zeit, lesen sie und am besten kaufen sie auch den Honig, der Ihrem eigenen begrifflichen Apparat am ehesten entspricht. Es kann nicht schaden, ihn zur Schärfung des eigenen kritischen Bewusstseins neben den Bildschirm zu stellen. Oder kaufen sie jenen, der sie am meisten aufregt! Im Ärger über wissenschaftliche Konzepte, die einem selbst unerträglich geworden sind, steckt auch eine positive Energie.

Die anderen Gläser enthalten essbaren Honig, übrigens ökologisch produzierten. Was genau das bei Honig bedeutet, kann ihnen Robert Lenz erklären. Der Honig wurde von ihm in der Uckermark gekauft und extra für die Jahrestagung landschaftsökologisch qualifiziert – durch intensive Gespräche mit dem Imker nämlich. So erfahren wir etwas über den genauen Standort, an dem die Bienen ihre Tracht gesammelt haben sowie über die verschiedenen Blütenpflanzen und die mit ihnen verbundenen besonderen ökologischen Probleme. Auf diese Weise wird deutlich, wie viel Landschaft im Honig steckt und wie fatal der Versuch der Industrie ist, diesen engen und wichtigen Zusammenhang bis zur Unkenntlichkeit aufzulösen.

Nicht zuletzt wird ihnen aufgefallen sein, dass man aus den Fenstern unseres Tagungsraums nicht so richtig herausschauen kann. Das ist Absicht, und zwar künstlerische Absicht von Christiane Wartenberg. In Buttermilch geritzt lesen sie die Landschaft und wie man über sie sprechen kann. Wird sie dadurch sichtbar? Wird sie dadurch begreifbar? Und wird sie gar steuerbar?

Wir haben die beiden Künstler nicht zur fröhlichen Bekunstung nach Nürtingen eingeladen. Vielmehr erhoffen wir uns von ihrer Arbeit eine gesunde Provokation und eine Ermutigung zum kritischen Denken für unsere Tagung. Bitte nehmen sie diese Aufforderung an. Sprechen sie mit den Künstlern, sprechen sie untereinander im Sinne ihrer Fragen, schenken sie sich nichts, seien sie mutig. Wir wollen die Sessions auch im beschriebenen Sinne für eine offene landschaftsökologische und umweltwissenschaftliche Debatte nutzen. Am Ende der Tagung werden wir diese Ergebnisse auswerten, es geht uns also nicht um ein bloßes Schaulaufen von Arbeiten, die sowieso gemacht und irgendwo präsentiert werden sollten. Wie weit wir damit kommen, wird sich zeigen, einen Versuch aber ist es wert. Bereits jetzt möchten wir den beiden Künstlern danken, dass sie diese Arbeit für uns ohne Honorar erbracht haben. Wir hoffen, dass wir ihnen wenigstens durch unser Verhalten eine hinreichende Anerkennung zuteilwerden lassen können.

Machen sie mit – und kaufen sie Kunst-Honig – er möge ihnen schmecken und bei der weiteren Arbeit dienlich sein.

Kenneth Anders, 22. 9. 2010