Archiv für März 2011

Regionale Veredelung und Vermarktung: Spielräume für landschaftsbezogenes Wirtschaften

Freitag, 4. März 2011

Bericht von einer Session bei der 10. Jahrestagung der IALE-D. Der Tagungsband und das vollständige Veranstaltungsprgramm finden Sie zum Download unter: http://www.iale.de/home/veranstaltungen/jahrestagung-2010.html

Koordination und Moderation: Roman Lenz und Kenneth Anders, Bericht: Kenneth Anders

Die Nutzung, Veredlung und Vermarktung heimischer Rohstoffe und Produkte wird in der politischen Diskussion als wesentliches Element der globalen Ökonomie hervorgehoben, ohne eine entsprechende Wertschätzung zu erfahren. Gemessen an den derzeitigen Verhältnissen in der Europäischen Erwerbsgesellschaft ist diese Geringschätzung nachvollziehbar. Aber ist sie unter dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit auch richtig? Dies betrifft nicht nur das Innovationspotenzial starker Regionalwirtschaften: Ökonomisch aktive und fein strukturierte ländliche Räume zeigen häufig eine größere Leistungsfähigkeit, wenn es um Innovationen und um den Platz auf den großen Märkten geht. Vor allem aber ist der Beziehungsreichtum heimischer Produkte für die regionale Identität und für die soziokulturelle Eigendynamik und Selbstorganisation in Kulturlandschaften unerschöpflich und unersetzlich. Damit geht eine These einher: Nachhaltige Landschaftsentwicklung ohne Regionalwirtschaft ist unmöglich!

Regionale Veredlung ist eine Strategie des Gartens, in dem durch normative Entscheidungen zugleich Wachstum ermöglicht wird. Welcher Art ist dieses Wachstum und welche Chancen hat es in Konkurrenz zur globalen Wirtschaft? Die Beiträge zur Session zeigten sehr verschiedene Facetten regionaler Wirtschaft und legten dementsprechend auch kontrastierende Antworten nahe.

Honig ist ein elementares Produkt lokaler Produktion und Veredlung. Die 10. IALE-Tagung stand denn auch ganz im Zeichen eines Kunst-Honig-Projekts von Robert Lenz und Christiane Wartenberg.

Michael Baldenhofer berichtete am Beginn der Session über ein Modellprojekt des Landes Baden-Württemberg. PLENUM soll regionale Wertschöpfung mit einem Mehrwert für Mensch, Natur und Landschaft in fünf Projektgebieten erreichen. Am Westlichen Bodensee ist das Vorhaben beim Amt für Landwirtschaft Stockach angesiedelt und wird von der „Modellprojekt Konstanz GmbH“ realisiert. Charakteristisch ist der Versuch, die Netzwerke verschiedener temporärer Förderprogramme (PLENUM, LPR, ELR, Interreg, ESF etc.) zu einer längerfristigen Strategie regionalen Wirtschaftens zusammenzubinden. Aus den dadurch wachsenden Institutionalisierungen werden einzelne Projekte aufgebaut, in denen Naturschutzziele durch regionalwirtschaftliches Handeln erreicht werden können. Diese Bemühungen illustrierte Baldenhofer anhand von zwei Netzwerken: Der Verein „Gutes vom See“ ist ein Zusammenschluss von Unternehmern am Bodensee in Form eines Vereins, der gezielt regionale Produkte in Gastronomie und Handel anbieten und dadurch extensive Landnutzungen, lokale Veredelung und landschaftspflegerisches Engagement fördern kann. Die Marke LinzgauKorn ist dagegen auf ein spezielles Segment gerichtet: Hier wird regionales Getreide nach den Kriterien „Qualitätszeichen und Bio Baden-Württemberg“ und darüber hinaus gehenden naturschutzorientierten Kriterien produziert und in einer regionalen Mühle und Bäckereien verarbeitet und vermarktet. Verbunden damit sind sowohl höhere Preise für die Produzenten als auch landschaftspflegerische bzw. naturschutzfachliche Effekte (Blühstreifen, Sortenvielfalt). In beiden Fällen wird zudem versucht, die regionalwirtschaftlichen und landschaftspflegerischen Effekte mit kulturlandschaftlicher Identität zu verknüpfen.

Ein kleines Korn kann viele Menschen zusammenführen: Das regionale Partnerprojekt LinzgauKorn.

Diesem „klassischen“ Ansatz staatlichen Handelns durch die Schaffung von Anreizen und die Bündelung von Initiativen stellte Christian Hiß ein Modell gegenüber, das stärker auf bürgerschaftliche Selbstorganisation setzt. Die Bürgeraktiengesellschaft Regionalwert AG will sozial-ökologische Wertschöpfung in der Landwirtschaft in der Region Freiburg forcieren, wobei die Kriterien für Nachhaltigkeit, Ökologie, soziale Relevanz etc. von den Aktionären erst entwickelt werden. Jährlich wird den Aktionären anhand von 64 Indikatoren in den Themenbereichen Beschäftigte/Ökologie/Regionalwirtschaft ein qualitatives Geschäftsergebnis zur Bewertung vorgelegt. Auseinandersetzungen über die Relevanz, über Messbarkeit und Hierarchie der Kriterien sind ausdrücklich erwünscht, nichtmaterielle und materielle Wertschöpfungsformen sollen in eine Gesamtrechnung einfließen. Der Wertschöpfungsansatz basiert also durchaus auf investiertem Kapital, inwiefern das Kapital aber erfolgreich arbeitet, wird in einem Aushandlungsprozess entschieden. Der Erwerb und die Verpachtung von landwirtschaftlichen Betrieben, die Finanzierung von landwirtschaftlichen Betrieben und finanzielle Beteiligungen an Unternehmen und Existenzgründungen sollen die Regionalentwicklung steuern. Das Spektrum der Betriebe reicht vom Gemüse-, Obst- und Weinbau bis zur Distribution und Gastronomie. Da für einen nachhaltigen Erfolg des Unterfangens die betriebswirtschaftliche Funktionsfähigkeit der einzelnen Unternehmen durchaus gesichert werden muss, liegt das entscheidende Bemühen der Regionalewert AG darin, Zeit und Vorlauf für langfristige Perspektiven zu gewinnen, den schnellen Verwertungsdruck zu verringern und so kulturlandschaftliche Inwertsetzungen sichtbar zu machen.

Ralf Kirchner-Heßler referierte anschließend über ein Instrument zur Erfassung von Streuobstwiesen mit Akteuren im PLENUM-Gebiet Heckengäu (Baden-Württemberg; Landkreise Böblingen, Calw und Enzkreis). Die Akteure sind hierbei als Partner der wissenschaftlichen Experten in die Datenerhebung und in die Maßnahmenkonzeption zur Entwicklung der Streuobstwiesen einbezogen und setzen die Planung schließlich selbst um. Der partizipative Anspruch soll also, im Gegensatz zu konventionellen planerischen Ansätzen, in allen Phasen des Arbeitszusammenhanges zur Geltung kommen. Das genutzte Erfassungs- und Bewertungsverfahren ist dementsprechend verständlich und praxisorientiert gestaltet.

Roman Lenz präsentierte mit der „Arche des Geschmacks“ ein Projekt zur Stärkung der regionalen Esskultur. Slow Food International mit seiner Stiftung für Biodiversität ist Träger des Vorhabens. Seit wenigen Jahren werden „Archepassagiere“ gekürt und Förderkreise eingerichtet, um die regionale Esskultur zu stärken. Eine Schlüsselfunktion nimmt dabei die Vielfalt an historisch entstandenen Pflanzensorten sowie Tierrassen ein, die den Regionen Eigenart verleihen und in der Regel mit einem ganzen Hof kultureller Techniken umgeben sind. Derzeit gibt es in Deutschland knapp 30 Arche-Passagiere vom Spitzkohl bis zum Würchitzer Milbenkäse; aus Baden Württemberg kommen elf solcher Passagiere. Dabei fiel auf, dass zuweilen sehr kleine Elemente zum Kern einer weiterreichenden Entwicklung werden können: Verschollen geglaubte Sorten der ursprünglichen schwäbischen „Alb-Leisa“ z.B. wurden in einer Samenbank des St. Petersburger Wawilow-Instituts gefunden und werden nun auf der Alb wieder kultiviert. Die Faszination einzelner Landwirte ist dabei eine wichtige Ressource, mit der die o.g. Zeit für die Entwicklung langfristiger Perspektiven mobilisiert werden kann.

Die Alb-Leisa wird im St. Petersburger Wawilow-Institut gefunden und kann nun wieder auf der Schwäbischen Alb kultiviert werden.

Einen gänzlich anderen Zugang zur regionalen Wirtschaft führte Franka Papendiek in die Debatte ein. Durch Bioraffinerien sieht sie die Chance einer Verlagerung der Veredelung von Biomasse in den ländlichen Raum. Demnach können aus Biomasse exakt bestimmte Grundstoffe für die Chemie-, Pharma- und Kosmetikindustrie werden. Der stofflichen Veredelung gebührt aufgrund mangelnder Rohstoffalternativen gegenüber einer energetischen Verwertung unbedingt der Vorrang. Das Prinzip der Kaskadennutzung bedarf enormer technologischer Anstrengungen, wenn es verwirklicht werden soll, doch kann dadurch die Effizienz der Biomassenutzung steigen. Im Hinblick auf die oft in der Regionalwirtschaftsdebatte reklamierte kulturlandschaftliche Vielfalt ist interessant, dass durch die Landwirte verschiedene Rohstoffe (Grünschnitt, Holz, Stroh, Abfälle) an die Bioraffinerien geliefert werden können – im Gegensatz zu den derzeit landschaftsprägenden Maisschlägen würde dies eine Diversifizierung der Bewirtschaftungen ermöglichen. Zugleich wurde deutlich, dass die komplexe Bioraffinerie im Vergleich zu den o.g. Ansätzen eindeutig für eine Strategie des Anschlusses an industrielle Strukturen steht.

So könnte eine Bioraffinerie in Zukunft aussehen. (http://idw-online.de/de/newsimage?id=83405&size=screen)

Kenneth Anders diskutierte das regionale Wirtschaften schließlich im historischen Kontext. Das zwanzigste Jahrhundert steht seiner Ansicht nach im Zeichen einer radikalen Aufkündigung der Wertschöpfungsbeziehung zwischen Stadt und Land. Der fortschreitende Zerfall von Regionen als Wertschöpfungsgemeinschaften wirft die Frage nach der Eigenlogik des ländlichen Raums auf: Sind Landschaften urbane Funktionsräume, in denen sich die globale Wirtschaftslogik räumlich ausdifferenzieren kann oder müssen sie eine wirtschaftliche, aus ihrer sozialökologischen Spezifik resultierende Eigenlogik beanspruchen? Hier schließen sich politische Fragen an: ist die Industrialisierung der Landwirtschaft, insbesondere der Tierhaltung aus der Sicht der ländlichen Räume hinzunehmen? Gibt es nicht substituierbare Handwerke, die Opfer globaler Handelspolitik werden (z.B. die Korbflechterei)? Inwiefern können moderne Versuche, Design und Regionalentwicklung zusammenzuführen, das Dilemma der „alten“ Wirtschaftsweisen überwinden? Und welche subsistenzwirtschaftlichen Strategien sind für die ländlichen Räume unverzichtbar? In der Folge verwies Anders vor allem auf die Notwendigkeit von Stadt-Land-Diskursen, mit deren Hilfe die Kulturlandschaften als Handlungsräume neu konzipiert werden können. Dabei sind politische Auseinandersetzungen ebenso notwendig wie eine Neuorientierung des Naturschutzes auf Fragen der Landnutzung. Und nicht zuletzt sind auch utopische Elemente unverzichtbar.

Regionales Wirtschaften reicht von der Subsistenz bis zur professionellen Vermarktung und ist durch eine wesentlich höhere Selbstorganisation der involvierten Akteure geprägt. Darin liegt die Stärke regionaler Wirtschaftsakteure – und daraus erklärt sich zugleich, warum sie in unserer Erwerbsgesellschaft als Sonderlinge gelten.

Ausblick: Obwohl die Session in erster Linie eine Reihe von unterschiedlichen Referaten vereinte, erlaubt sie doch einige interessante systematische Aussagen. So wurde sichtbar, dass Strategien der regionalen Wertschöpfung als kulturlandschaftliche Inwertsetzungen vor allem Zeit brauchen und Strukturen benötigen, mit denen die überregionalen Wirtschaftsmechanismen zumindest temporär durchbrochen werden können. Darüber hinaus sind auch außerökonomische Ressourcen wie regionale Identität, Leidenschaft für landschaftliche Eigenart, Tradition und Wissen erforderlich. Nicht zuletzt zeigte sich in der Spannung zwischen traditionellen regionalen Wirtschaftsansätzen und organisatorischer bzw. technologischer Innovation ein enormer konzeptioneller Spielraum, der bislang weder politisch noch wissenschaftlich hinreichend erkundet worden ist. Regionalwirtschaft ist kein Liebhabethema – für nachhaltige Landschaftsentwicklung ist es das Schlüsselthema schlechthin.