Archiv für Mai 2011

Das Einmaleins der Nachhaltigkeit

Freitag, 6. Mai 2011

Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter. Herausgegeben, überarbeitet und übersetzt von Silke Helfrich. oekom verlag, München 2011, 126 S. 14,95 €

Man kann nicht behaupten, dass die Umweltwissenschaften in Deutschland die Herausforderung angenommen haben, die mit der Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises an Elinor Ostrom auf sie gekommen ist. Ein großer Teil gerade der sozioökonomischen Arbeiten zum Thema Umwelt stützt sich immer noch auf mechanistische Ansätze, wie sie seit der Blüte der Zahlungsbereitschaftsanalysen hierzulande beliebt sind. Die größte Popularität erfahren gegenwärtig die Ecosystem Services. Wer allerdings meint, in diesem Ansatz eine hinreichende Schnittmenge zu den Arbeiten Ostroms zu erkennen (immerhin geht es da doch auch um Ansätze zur Vergütung und Quotierung!), sollte es sich nicht zu einfach machen. Ohne systemwissenschaftliches Denken wird aus den Services schnell eine Chimäre. Das ist denn gegenwärtig auch zu erleben.

Aus diesem Grund ist es eine gute Idee, einen unkomplizierten und eher essayistischen Einblick in das Denken Ostroms zu geben. Die Wissenschaft mag den Ball nicht auffangen, die Öffentlichkeit dagegen schon – und schließlich reagieren auch die Wissenschaften auf öffentliche Nachfrage. Das vorliegende Bändchen unternimmt diesen Versuch. Es besteht im Wesentlichen aus zwei Texten, die englischsprachigen Zeitschriften entstammen, wobei im zweiten Falle ein Interview zu einem Fließtext umgearbeitet wurde.

Im ersten Teil werden die Leser mit den grundlegenden Begriffen vertraut gemacht, die für Analyse und Hermeneutik von Gemeingütern benötigt werden. Selbstverwaltung und Selbstorganisation, Emergenz und Redundanz, Institution und Kooperation fungieren als Pflöcke, an denen die Autorin viele kleine und große Beobachtungen vertäuen kann und auch ihren Lesern die Chance gibt, mit den eigenen Erfahrungen in die Auseinandersetzung einzutreten. Der freundliche sprachliche Gestus der Autorin lässt einen zuweilen über das große kritische Potenzial ihres Denkens hinweglesen, das unzweifelhaft darin zu finden ist – man denke nur an die anhaltende Zerstörung tradierter Organisationsformen von Gemeingütern durch privatwirtschaftliche Aneignung und verzerrte politische Wahrnehmung. Der eher freundliche Gestus prägt übrigens das ganze Buch: Es soll vor allem eine Einladung zur Beschäftigung mit dem Potenzial der Gemeingüter sein, sich zugleich aber auch vorsichtig von anderen Annäherungsweisen abgrenzen.

Im zweiten Teil werden Versuche diskutiert, neuartige Steuerungsformen für globale Gemeingüter zu etablieren, wobei es vor allem bei den Fisch- und Waldbeständen bereits einen größeren Erfahrungsschatz gibt. Die Autorin ist hier – der ursprünglichen Form des Interviews entsprechend – um eine offene Reflexion bemüht, erreicht allerdings nicht die systematische Klarheit des erstens Teils. Auf jeden Fall wird die Kluft sichtbar, die sich zwischen traditionell gewachsenen und in lokalen Gemeinschaften verankerten Regelungsformen und neuartigen globalen Steuerungsinstitutionen auftut. Mit der systemtheoretischen Perspektive Ostroms im Hinterkopf bleiben dann doch mehr Fragen offen, als durch den Rundumschlag zu beantworten sind.

Ein in Thesenform verfasster Katalog mit Gestaltungsprinzipien für die nachhaltige Bewirtschaftung von Gemeingütern schließt die kleine Textsammlung ab. Ergänzt wird sie durch ein ausführliches Glossar, das die Herausgeberin beigefügt hat. Hier werden in gut verständlicher Weise sowohl einige Institutionen und Schlagworte aus den jüngeren Umweltdebatten als auch zentrale systemtheoretische Grundbegriffe erläutert, die nicht nur in Politik und Wissenschaft sondern auch in der Öffentlichkeit benötigt werden, wenn man Gemeingüter vernünftig konzipieren und bewirtschaften will. Dieses Glossar ist lesenswert. Gemeinsam mit den vorangestellten Texten macht es deutlich, dass es sich bei den Arbeiten Elinor Ostroms und ihrer Kollegen nicht um eine Schule handelt, die man beachten oder ignorieren kann sondern um das Einmaleins der Nachhaltigkeit.

Kenneth Anders