Bent Flyvbjerg: Rationality and Power: Democracy in Practice.

Bent Flyvbjerg zeigt in seinem Buch das Verhältnis von Macht und Politik in der städtischen Planung. Sein Buch ist empirisch um die Stadt Aalborg in Dänemark in der Zeit von 1977 bis 1995 aufgebaut. Der theoretische Ansatz macht das Buch zu einem wissenschaftlich anspruchsvollen Werk, das auf keinen Fall als leichte Bettlektüre zu empfehlen ist. Mit Bezug auf Machiavellis verita effetuale (der wirklichen Wahrheit), Nietzsches wirkliche Historie und Foucaults Machtkonzept analysiert Flyvbjerg die komplexen Beziehungen zwischen Vernunft und Macht. Er argumentiert, dass der Stadtplanungskonflikt in Aalborg eine Metapher der Moderne für das Kräftespiel von Vernunft, Macht und Demokratie ist.

Von 1977 bis 1995 diskutierte die Stadtverwaltung von Aalborg mit lokalen Unternehmern und insbesondere der Busgesellschaft der Stadt über die zukünftige nachhaltige Stadtplanung, die vier Elemente umfassen sollte: 1) Stadterneuerung, 2) Flächennutzung, 3) Verkehr und 4) Umwelt.

Die Personen, die am ersten Treffen teilnahmen, waren der Ingenieur, der Architekt und der Chef der Stadtplanung und der Direktor der Busgesellschaft von Aalborg. Zunächst gründete die Gruppe ein Leitungsgremium für das Projekt, deren einzige Mitglieder sie selbst waren. Ein Dreijahresplan wurde entwickelt. Das Aalborgprojekt sollte aus vielen Unterprojekten bestehen, die sich um den Hauptplan, das städtische Bussystem zu erweitern und zu reorganisieren, aufgebaut waren. Ein neuer Busterminal mit mehr als 2000 Busankünften und -abfahrten pro Tag war als zentraler Punkt des Projekts geplant.

Neben strukturellen und organisatorischen Gründen lässt sich die starke Rolle der Busgesellschaft auch auf individuelle Motive zurückführen, deren Anekdote mir besonders gut gefällt. Der sozialdemokratische Bürgermeister Marius Andersen, mit dem Spitznamen Bus-Marius, war vor seiner Politikerkarriere selbst bei der Busgesellschaft angestellt und ein enthusiastischer Verfechter des öffentlichen Verkehrs.

Der erste Konflikt entstand zwischen dem Architekten der Stadt und der Busgesellschaft über den Standort und die Größe des geplanten Busbahnhofs. Was ursprünglich nur eine Unstimmigkeit zwischen den Beteiligten war, verwandelte sich schnell in einen erbitterten Konflikt. Das führte zur Bildung von Fraktionen unter den Hauptakteuren und mündete schließlich in einem Stillstand des Projekts. Flyvbjerg beschreibt hier ausführlich, wie sich der Konflikt zwischen technischer Rationalität und Macht manifestierte.

In die nächste Planungsphase waren Geschäftsleute, Gewerkschaften, die Polizei, lokale und nationale Gutachter, die Medien und interessierte Bürger involviert. Sobald sich die betroffenen Bürger in der Arbeitsgruppe engagierten, kamen immer mehr Probleme auf. Die Geschäftsleute immer unzufriedener mit dem ursprünglichen Stadterneuerungsplan, woraufhin der Plan auf die Hälfte reduziert wurde. Es sollte ein Busbahnhof gebaut werden, der den Interessen sowohl der Stadt als auch den Geschäftsleuten Genüge leisten sollte. Gerade als die Pläne verabschiedet waren, begann sich die dänische Umweltschutzbehörde für die Umweltwirkungen des Busbahnhofes zu interessieren und forderte die Prüfung von Alternativen. Alternativstandorte für den Busterminal wurden im Sinne der Busgesellschaft als Auftraggeber „neutral“ evaluiert.

Nach elf Überarbeitungen des ursprünglichen Aalborgplans änderte die Industrie- und Handelskammer ihren ursprünglichen Standpunkt und argumentierte, dass die Umlenkung des Verkehrs aus der Innenstadt den Geschäftleuten sinkende Einkünfte bescheren würde. Daraus resultierten wieder neue Konflikte.

Als schließlich neu gewählte Stadtvertreter den ursprünglichen Plan aus der Schublade zogen, löste sich das Aalborgprojekt in eine Zahl von unzusammenhängenden Unterprojekten auf, von denen viele unbeabsichtigte Auswirkungen hatten. Flyvbjerg zeigt, dass die Politik der kleinen Schritte katastrophale Folgen zeitigte: statt den Autoverkehr zu reduzieren, stieg er um 8%; statt ein integriertes System von Fahrradwegen zu errichten, wurden unverbundene Streckenabschnitte gebaut; statt Verkehrsunfälle zu reduzieren, stieg die Zahl der Todesopfer und Verletzten um 40%; statt den Lärm zu reduzieren, zeigten Messungen, dass der Lärmpegel in Aalborgs Innenstadt die dänischen und internationalen Grenzwerte wesentlich überschritt; und schließlich blieb die Luftverschmutzung konstant, mit gestiegenem Ausstoß von Ruß- und Schwebstaubpartikeln. Einen Erfolg konnte der Plan aber verzeichnen: er wurde im Mai 1995 den „European Planning Prize“ der EU für die Entwicklung einer innovativen, demokratischen Stadtpolitik und -planung mit besonders guter Beteiligung von Bürgern und Interessengruppen ausgezeichnet.

Heute steht der Busterminal – allgemein „Mariusdenkmal“ (Marius Minde) genannt – genau dort, wo ein Monument der Macht stehen sollte: im historischen Kern von Aalborg.

Astrid Artner

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