Der Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen?! Der Naturpark Märkische Schweiz

1. Zeitraum: 1991 – heute

1990: rechtskräftige Ausweisung des Großschutzgebietes Naturpark Märkische Schweiz

1991-2002: Hauptakteur 1 Naturparkleiter im Amt

1993-2003: Hauptakteur 2 Bürgermeister von Buckow im Amt

1993-1996: Erstellung des Pflege- und Entwicklungsplans (PEP) für den Naturpark

1999: Gründung der Interessengemeinschaft „Märkische Schweiz“ (Hauptakteur 3)

2000-2002: Mediationsverfahren

bis 2006: Kauf von 500 ha Offenland- und Waldflächen durch den NABU

2. Objekt/Thema: Das Großschutzgebiet Naturpark Märkische Schweiz ging aus dem Nationalparkprogramm der DDR hervor und wurde durch den Einigungsvertrag 1990 rechtskräftig ausgewiesen. Die äußere Gestalt der Region – durch eine Vielzahl von Seen und hoher Artenvielfalt geprägt – sowie der Status der Stadt Buckow als anerkannter Kneippkurort sind die Hauptstandortfaktoren für einen der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren der Region, den Tourismus.

Vielfältige Kulturlandschaft Märkische Schweiz!? 625 ha Seen in eiszeitlich betonter Landschaft

Vielfältige Kulturlandschaft Märkische Schweiz?! Rund 75% der Waldfläche im Naturpark sind Nadelholzforste, rund 65% der Waldfläche sind Kiefernforste.

Der Naturpark Märkische Schweiz ist mit 205 km² das kleinste Großschutzgebiet in Brandenburg, war aber zwischen 1991 und 2003 zugleich das konfliktbehaftetste. Die Fronten zwischen kommunalen Vertretern und betroffenen Bürgern einerseits und der Naturparkverwaltung andererseits waren so verhärtet, dass auch heute noch „dem Naturschutz“ größtes Misstrauen entgegengebracht wird.

Von der Landesanstalt für Großschutzgebiete (LAGS) wurde ein Pflege- und Entwicklungsplan (PEP) [i] beauftragt, der die Diskussionsgrundlage für die gemeinsame Planung der Natur- und Landschaftsentwicklung sein sollte. „Von oben“ wurde jedoch starker Druck ausgeübt, um den PEP in der vorliegenden Form durchzusetzen. Die mangelnde Einbeziehung der regionalen Akteure in die Planung war der Beginn verhärteter Fronten sowie von “Sprachstörungen und Spannungen” [ii] . Bis heute liegt der PEP nur als Entwurf vor.

Der ehemalige Naturparkleiter, der auf regionaler Ebene für den PEP verantwortlich zeichnete, zog sich den Groll betroffener Akteure endgültig zu, als er von seinem Vetorecht im Rahmen des Genehmigungsverfahrens gegen Bauvorhaben innerhalb des Naturparks [iii] Gebrauch machte. Die Errichtung von „Schwarzbauten“ häuften sich, ebenso wie die Klagen des Regionalverbandes des NABU. Widersacher reagierten erbittert gegen die Einschränkung der örtlichen Planung, denn auf diese Weise wurde die Infrastrukturentwicklung der Naturparkgemeinden eingeschränkt.

Statt dessen habe der Naturparkleiter rings um Buckow Totalreservate geplant [iv] . Ein Akteur resümiert 2001: „Zehn Jahre wurden die Menschen der Region, ja die Region selber durch überspitzten Naturschutz in ihrer Entwicklung gehemmt“ [v] .

Auch nach der Ablösung des Naturparkleiters dreht sich der aktuelle Diskurs weiter um das Schreckgespenst Totalreservate. Als Eigentümer von rund 500 ha Fläche in der Region würde der NABU – dessen Vorsitzender der ehemaligen Naturparkleiter ist – Totalreservate planen und Urwald entstehen lassen. Dem stehen die Aussagen von NABU-Mitgliedern gegenüber, lediglich einige wenige Totholzzellen in einem ansonsten naturnah bewirtschafteten Wald belassen zu wollen.

3. Die maßgeblichen Beteiligten waren auf der einen Seite der ehemalige Naturparkleiter sowie auf der anderen Seite Teile der regionalen Bevölkerung, die in der Gestalt des ehemaligen Buckower Bürgermeisters und der Vertreter der Interessengemeinschaft „Märkische Schweiz“ nach außen auftraten. Heute formieren sich die Hauptakteure gegen den NABU-Regionalverband – und umgekehrt. Mittlerweile gibt es einen anderen Bürgermeister und einen anderen Naturparkleiter, die beide den Ausgleich der Interessen (ver)suchen.

4. Argumente und Werte:“Wir werden unsere Arbeit verlieren, wenn die Totalreservate kommen” [vi] . Der Naturschutz akzeptiere Wald nicht als Kulturlandschaft, Wald bedürfe keiner Bewirtschaftung. Auch heute noch heißt es, der NABU mache auf den eigenen Flächen gar nichts, es solle Urwald entstehen.

Doch ist das gestaltete Landschaftsbild die Grundlage der touristischen und regionalen Entwicklung. Als Identifikations- und Vermarktungsfaktor holte der ehemalige Bürgermeister die Frau von Friedland [vii] aus der Schublade. Die Märkische Schweiz wird als von ihr gestaltete Kultur- und Parklandschaft konstruiert – tatsächlich sind nur einzelne Bäume auf sie zurückzuführen. Die Frau von Friedland steht für die gelungene Verbindung eines stabilen Waldsystems mit ästhetischer Gestaltung. „Diejenigen, die entschieden haben, Teile unserer Kulturlandschaft nicht weiter zu pflegen, sondern in Wildnis zu verwandeln, treten das Andenken der Frau von Friedland mit Füßen und hemmen die wirtschaftliche Entwicklung der Region!“ [viii] .

5. Mittel und Techniken zur Konfliktaustragung und Kommunikation: lokale und regionale Zeitungen mit einer großen Leserschaft wurden von kommunalen Vertretern und betroffenen Akteuren genutzt. Das wichtigste Kommunikationsmittel waren jedoch lokale und regionale Netzwerke. Heute sind diese Netzwerke gefestigt und werden von den regionalen Meinungsbildnern genutzt.

Ein Einzelereignis war im Jahr 2000 eine Demonstration anlässlich der Einweihung des neuen Besucherzentrums der Naturparkverwaltung. 300 Demonstranten versammelten sich unter dem Motto „Schluss mit dem grünen Terror in der Märkischen Schweiz“ und skandierten gegen die „grüne Feldherrenhalle“ [ix] .

6. zeitliche Dynamik: Nach den massiven Auseinandersetzungen zum Thema Bauen wurde 1999 die Interessengemeinschaft „Märkische Schweiz“ gegründet, wodurch sich der Konflikt noch verschärfte. 2000 schlug Umweltminister Wolfgang Birthler vor, ein Mediationsverfahren einzuleiten. Anfang 2002 wurde das Mediationsverfahren ohne Ergebnis eingestellt.

Der Konflikt wird seit der Ablösung des Naturparkleiters 2002 und des Bürgermeisters 2003 nicht mehr öffentlich ausgetragen. Der latente Konflikt Bevölkerung – NABU dauert über die Problemkonstruktion „Totalreservate“ weiter an.

7. Planung und Politik

Die fehlende Integration der regionalen Akteure in die Gestaltung des PEP hat ihre Ursache auf politischer Ebene. Das Projekt hatte die Landesregierung viel Geld gekostet und musste erfolgreich abgeschlossen werden. Seit der Festsetzung des GSG gab es jedoch keine Fortschreibung der Entwicklungspläne und der Umsetzung. Das Ministerium hat damit ein Vakuum hinterlassen, das sich zwangsläufig in Konflikten entlud. Die Entwicklungsziele sind unklar, und konkrete Interessen prallen aufeinander.

Dieser Beitrag basiert auf den Aussagen verschiedener Akteure und Artikeln regionaler und überregionaler Zeitungen.

Astrid Artner


[i] Der PEP ist als nicht rechtsverbindlicher Plan ein Umsetzungsvorschlag.

[ii] R.-D. Dammann in: Märkische Oderzeitung vom 06.10.2000

[iii] §72 Abs. 2 BbgNatSchG

[iv] Berliner Zeitung vom 25.09.2000

[v] E. Müller in: Märkische Oderzeitung vom 20.02.2001

[vi] U. Bergmann in: Berliner Zeitung vom 25.09.2000

[vii] Als Helene Charlotte von Lestwitz (1754-1803) geboren, übernahm sie 1788 nach dem Tod ihres Vaters die Verwaltung seiner Güter. Sie ließ 30 verschiedene Baumarten anbauen und in ihren Parkanlagen und der freien Landschaft mehr als 1.700 verschiedene Gewächse anpflanzen. Für mehr Informationen siehe z.B. http://www.oderbruchpavillon.de/kunst/wartenberg/wartenberg.htm.

[viii] H.-U. Schulze in: Buckower Nachrichten 3/03

[ix] Berliner Zeitung 25.09.2000

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