Tatsuo Inagaki: Mein Platz

12 Holzschilder je 1,5 x 1,5 m

Standort: Wanderweg zwischen Bergfeld und Carpin, 2000

Gemeindegrenzen schreiben sich in die Landschaft ein und bleiben für Fremde meist unerkannt.

„Hier sah ich 1000 Hirsche und Wildschweine.“ „Hier verlief früher die Ortsgrenze. Sie war durch eine dichte Hecke gekennzeichnet. Die Hecke wurde abgeholzt, weil man für die modernen Landmaschinen große Flächen brauchte.“ „Ich kannte den Baum seit Jahren und war sehr erschrocken, daß er vom Wind umgeworfen war.“

Zwischen Bergfeld und Carpin. Hier. An diesem Ort. Ein ausgestreckter Finger, eine Hand, ein gestreckter Arm; Gesten hinein in die Landschaft, die Heimat ist. Einem Japaner werden Geschichten erzählt über die Steine auf den Äckern, die die Maschinen zerbrachen, über Felder, die nicht mehr genutzt als Unland da liegen, über versteckte Ostereier, über den Tod – Geschichten über Natur als Lebensraum des Menschen, über die Spuren, die er in ihr hinterlässt, wie die Natur in ihm. Der Japaner hört zu, lässt sich die Erzählung ins Englische übersetzen, und macht sich japanische Notizen. Er sammelt die Geschichten, schreibt sie auf Holzschilder und stellt sie wieder in die Landschaft. Jemand kommt vorbei und beginnt zu lesen…More…

Natur ist, schreibt der Soziologe Klaus Eder (1998), was durch Kommunikation erreicht werden kann. Und fährt fort: Natur, die nicht kommuniziert wird, existiert für die Gesellschaft nicht (was in den Hirnen der einzelnen sich befindet, ist noch mal eine andere Frage). Die öffentliche Debatte über Natur ist geprägt durch wissenschaftliche Begriffe wie Grenzwert, Biotop, Schadstoffeintrag, Ökosystem, Ressource, Entropie etc. Was aber könnten wir noch über Natur erzählen (oder malen, oder komponieren…)?

Wissen wir oder glauben wir zu wissen, was die Landschaft ausmacht?

Tatsuo Inagaki definiert seine Kunst als Feldforschung. Ein Begriff der aus der Völkerkunde stammt. Die Frage, die MEIN PLATZ aufwirft heißt, was kann ich mittels ästhetischer Arbeit über die soziale Konstruktion fremder Landschaften erfahren und wie verändert sich die Wahrnehmung der Landschaft bei Dritten, wenn diese Konstruktion öffentlich gemacht wird.

Der Ausgangspunkt des Projektes MEIN PLATZ von Tatsuo Inagaki, das im Rahmen des Kunstringes am Müritz-Nationalpark realisiert wurde, ist der Graben, der sich zwischen Ding und Begriff auftut, wenn bestimmte Phänomene, sinnliche Erscheinungen oder Gefühle in Worten wiedergegeben werden. Seine ästhetischen Feldforschungen sind der Versuch, diesen Graben durch Zeit und Raum zu überbrücken. Die gesammelten und aufgeschriebenen Geschichten verweisen am Wegesrand auf kulturell besetzte Orte in der Landschaft. Dem Leser obliegt es, die in Worte gefassten Geschichten in die Landschaft zurück zu übersetzen. Ästhetische Spurensuche, die nicht nur für die Landschaft und ihre Besonderheiten sensibilisiert, sondern erahnen lässt, was sie für die Menschen, die hier leben, ist und wie sie in ihr zu leben gewohnt sind.

Lars Fischer

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