Helmut Lemke: Im Spiegelbild des Blättertanzes…

– Über den Hörwert

Klänge, acht hölzerne Hörrohre, der Wanderweg gelber Vogel, Länge 7,5 km, Standort: Steinmühle bei Carpin, 2000

Hörort bei Steinmühle (Foto: Wolf-Dietrich Gerhardt, Neustrelitz)

Diese unscheinbare Arbeit mit dem Klang einer Landschaft entstand im Rahmen des Kunstringes um den Müritz-Nationalpark in der Nähe des Jugendwaldheims Steinmühle, dem Umweltbildungszentrum im Serrahner Teil des Nationalparks südöstlich von Neustrelitz. Mit schwer zu übersehenden Hörrohren auf verscheiden hohen hölzernen Stangen entlang des Wanderweges gelber Vogel hat der Klangkünstler und Improvisationsmusiker Helmut Lemke Orte gekennzeichnet, an denen es sich zu hören lohnt. Der Weg führt von Steinmühle am Grünower See entlang durch einen Buchwald, vorbei an einem kleinen Feuchtgebiet, hinaus aufs Feld, in eine Siedlung hinein, von dort zurück in den Wald, streift eine Kernzone des Nationalparks und endet wieder an der alten Mühle.

„Ausgehend von der Steinmühle“, schreibt Helmut Lemke über seine Arbeit, „wandere ich diesen Weg jeden Tag ganz oder teilweise zu unterschiedlichen Tageszeiten. Ich suche Klänge. Sie sind verschieden – überraschend und erwartet. An manchen Tagen ist die Stille ohrenbetäubend. Kleine Bäume sind geschwätziger als große. Entscheidend ist der Wind – ich erlebe meist windstille Tage. Vögel (so wurde mir gesagt) werden stiller im August. Der Mythos Wildschwein kracht im Unterholz. … Gehen selbst ist laut… Schritte, Kleidung, Atmung…verschiedene Böden, Sand, Waldboden, Stein, Stoppelfelder…Der Nationalpark klingt. Ich möchte dem nichts hinzufügen. Für viel spannender halte ich es die Klänge dieser Landschaft zu suchen, zu sammeln und ihnen eine künstlerische Form zu geben.“More…

Tagebuchaufzeichnung mit Sonografik von Helmut Lemke

Die Arbeit „Über den Hörwert“ ist ein Angebot, wie Besucher und Einheimische aus dem materiellen Nicht-Nutzen der Natur, wie er im Nationalpark Müritz angestrebt wird, ein ästhetischer Nutzen gezogen werden kann. Ein flüchtiger zwar, aber dafür einer der sich nicht verbraucht.

Jede Landschaft – die Menschen in ihr immer mitgedacht – hat ihren Klang. Diese Dimension hilft Helmut Lemke mit einfachen künstlerischen Mitteln zu erschließen. Ist es möglich die Landschaftsgeschichte zum klingen zu bringen? Klänge lassen Bilder entstehen. Bodenproben belegen, dass die Buchenwälder um Steinmühle einmal Ackerland waren. Wie klingt aufreißende Erde, wenn der Hakenpflug durch sie fährt?

Das in Steinmühle entstandene Tagebuch, in dem Helmut Lemke die Erfahrungen seiner GeHörGänge festgehalten und mittels Sonografiken (Computerbilder von Klängen) zu visualisieren versucht hat, kann für den reflexiven Aspekt seiner Kunst stehen.

Für den Improvisationsmusiker Helmut Lemke sind die Klänge eines Ortes immer auch – vielleicht sogar in erster Linie – eine Aufforderung, mit ihnen zu spielen, um den Charakter einer Gegend zu erforschen. Auf der Abschlussveranstaltung zum Künstlerpleinair in Steinmühle spielte er nicht nur auf langen über den See gespannten Sehnen, gemeinsam mit seinem Künstlerkollegen Claus van Bebber, versammelte er auch die Musik- und Klangkulturen der Region – vom Kinderchor über Jagdbläser und Konzertgitarre bis hin zu schwimmenden Plattenspielern, die Vogelstimmen wiedergeben, und scheppernden Fahrrädern, die über Kopfsteinpflaster fahren. Was lässt sich über Klang von einer Landschaft erfahren? Wie klingt eine Landschaft, wenn man die Bevölkerung darum bittet, ein akustisches Statement zu geben: wie klingt ihr Leben?

Lars Fischer

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