Landschaftsentwicklung im BR Südost Rügen

Blick von Granitz zum Mönchgut. Wem gehört die Gestaltungsmacht für die Landschaft?

1. Zeitraum: Seit Mitte der 1990er Jahre bis in die Gegenwart

2. Objekt/Thema: Der strittige Landschaftsraum ist das von allen Konfliktbeteiligten als einzigartig wahrgenommene Mönchgut im äußersten Südosten Rügens und das im Norden sich anschließende Buchenwaldgebiet der Granitz. Vor allem die kulturell und ästhetisch reizvolle (reiche Kulturgeschichte der Fischer-Bauern, Strukturvielfalt der Landschaft) sowie naturräumlich besonders ausgestattete Halbinsel Mönchgut (aktive Außenküsten mit Kliffs und Haken, Sandtrockenrasen, Salzwiesen etc.) steht im Focus der Auseinandersetzungen. Dieser Bereich des Biosphärenreservates Südost Rügen gehört seit vielen Jahrzehnten zu den touristischen Highlights der Insel Rügen und der gesamten deutschen Ostseeküste.

Kernthema ist das Verhältnis zwischen der wirtschaftlichen, insbesondere der touristischen Entwicklung, und dem Natur- und Landschaftsschutz. Nach 1990 wurde der Tourismus fast zum alleinigen Träger der regionalen Wirtschaft, die Land- und Forstwirtschaft sowie die Fischerei spielen heute eine untergeordnete Rolle. Bereits zu DDR-Zeiten als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen, wurde das Mönchgut Teil des 1990 eingerichteten Biosphärenreservates – mit Unterstützung der Gemeinden, die diesen Status als einen Imagegewinn wahrnahmen. Folglich sahen die Gemeinden wie viele Privatpersonen im Ausbau der touristischen Infrastruktur (Hotelbauten, Ferienwohnungen, Marinas, Golfanlagen etc.) die Zukunft der Region. Als die Verwaltung des Schutzgebietes, das Nationalparkamt Rügen, einer solchen Entwicklung in ihrer Funktion als Untere Naturschutzbehörde des Öfteren die Zustimmung versagte, kam es zum offenen Konflikt. Die Bürgermeister sahen sich in ihrem Gemeindegebiet durch die Schutzgebietsverwaltung in ihrer Handlungsfreiheit beschnitten. Wem gehört die Gestaltungsmacht für die Landschaft? Dem Naturschutz das Sagen in Wald, Feld und See, den Gemeinden im Siedlungsraum? Das Verhältnis von Naturschutz und Landnutzung in einer Modellregion für neue Wege nachhaltigen Wirtschaftens ist ein Grundthema des Konfliktes.

3. Die maßgeblichen Beteiligten: Die Bürgermeister der Gemeinden Baabe, Gager, Göhren, Middelhagen und Thiessow auf Mönchgut sowie Sellin und Lancken-Granitz in der Granitz auf der einen sowie das Nationalparkamt Rügen, dem die Verwaltung des Biosphärenreservates im Konfliktzeitraum bis Ende 2006 oblag, auf der anderen Seite.

4. Argumente und Werte: Auf der Seite der Bürgermeister wird nicht allein die Gestaltungshoheit der Gemeinden für die Geschicke des Gemeinwesens ins Feld geführt. Sie wollen durch den Schutzstatus nicht schlechter gestellt werden, indem für ihre Entwicklungsprojekte „härtere“ Maßstäbe angelegt werden als außerhalb des Schutzgebietes; sie fordern ein gleiches Recht für alle.

Beide Konfliktparteien verstehen insbesondere das Mönchgut als eine einzigartige Landschaft, sehen sich als ihr Anwalt, wollen aber die landschaftlichen Potentiale unterschiedlich in Wert setzen. Eher individueller Naturtourismus hier, umsatzträchtiger Badetourismus in schöner Landschaft dort – für beide Seiten ist die Landschaft das einzige Kapital der Region. Seit Jahrhunderten sei das Mönchgut bewirtschaftet worden, und dass die Mönchguter ihre Landschaft dabei nicht zerstört haben, zeige auch die Ausweisung als Biosphärenreservat. Man wisse, wie mit der Landschaft angemessen umzugehen sei, so der Tenor auf der Seite der Gemeinden. Die Biosphärenreservatsverwaltung reklamiert die Verantwortung für diese besondere Landschaft unter dem Gesichtspunkt des Arten und Biotopschutzes im Ensemble der wenigen noch naturnahen Landschaften Deutschlands und der Welt. Das Mönchgut sei in erster Linie so zu bewahren, wie es ist. Eingriffe in die Landschaft sollten, wo möglich vermieden werden oder an Orten mit einem weniger sensiblen Naturhaushalt geschehen.

Da in jenen Bereichen des Biosphärenreservates, die am Rande der großen Touristenstromes liegen, wie die Gegend um Putbus, keine vergleichbaren Konfliktlagen ergeben haben, scheint eine Triebkraft des Konfliktes die Wa(h)re Landschaft zu sein: Das Besondere ist ein Kapital, dass sich für beide Seiten in Wert zu setzen lohnt.

5. Mittel und Techniken zur Konfliktaustragung und Kommunikation: In verschiedenen von der Schutzgebietsverwaltung angestrengten Moderationsprozessen mit dem Ziel, ein integratives Rahmenkonzept für das Biosphärenreservat zu erarbeiten, wurde versucht, den Konflikt auszutragen. Diese Versuche sind gescheitert, da die Bürgermeister ihre Kooperation von der Erfüllung politischer Forderungen (in der Selliner Erklärung von 2004 wurde unter anderem eigenes Amt für das Biosphärenreservat und eine eigenständige Untere Naturschutzbehörde für den ganzen Landkreis Rügen gefordert) abhängig machten. Stattdessen legten die Gemeinden ein eigenes Regionales Entwicklungskonzept Mönchgut-Granitz vor, indem sie ihre Vorstellungen pointiert darstellten. Die Schutzgebietsverwaltung konzentrierte ihr wirtschaftliches Engagement (Jobmotor Biosphäre, Holzmesse Lauterbach etc.) auf den konfliktarmen Raum um Putbus.

Gemeinsame Modellprojekte auf Mönchgut als Form praktischer Konfliktbewältigung im Sinne einer nachhaltigen touristischen Landnutzung, wie sie in einem UNESCO-Biosphärenreservat möglich sein sollten, konnten nicht realisiert werden. Seit 2007 wird seitens der Schutzgebietsverwaltung mit „weichen“ Instrumenten (Erarbeitung einer Basisbroschüre zum Biosphärenreservat „Von Poken und Kollen“ gemeinsam mit zentralen Akteuren aus den bereichen Politik, Wirtschaft, Naturschutz und Tourismus) versucht die Kommunikation über die Zukunft der Modellregion und ihrer Landschaft wieder aufzunehmen und an der Lösung des Konfliktes gearbeitet.

6. zeitliche Dynamik: 1990 wurde das Biosphärenreservat Südost Rügen mit Zustimmung der Gemeinden ausgewiesen. Mitte der 1990er Jahre brach der Konflikt über die zukünftige Ausgestaltung des Verhältnisses von Naturschutz, Landnutzung und touristischer Entwicklung im Biosphärenreservat aus. 2004 erreichte der Konflikt mit der „Selliner Erklärung“ seinen Höhepunkt. Seit 2007 nähen sich die Seiten wieder an.

7. Planung und Politik haben in der Auseinandersetzung bisher keine Wege gefunden, um die lokalen Ansprüche an die wirtschaftliche Landnutzung mit den Forderungen des Naturschutzes modellhaft und umsetzungsorientiert zu verknüpfen. Dass dies prinzipiell möglich ist, zeigt die inhaltlich an klaren Zielen orientierte praktische Arbeit des Landschaftspflegeverbandes Ostrügen e.V., der in Abstimmung mit dem Biosphärenreservat zahlreiche Naturschutzprojekte auf Mönchgut und in der Granitz realisieren konnte. Die Mönchguter Gemeinden sind wesentliche Träger dieses Vereins.

Lars Fischer

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