Walther Kauer – Spätholz

(1976)

Rocco Canonica ist ein alter Bauer im Tessin. Er steht für eine Landnutzung unter den Bedingungen des Mangels. Sein Wissen von der eigenen Landschaft ist filigran – ein Spiegel der knappen Ressourcen, bei deren Erschließung ein autopoietischer Prozess sichtbar wird. Beinahe unendlich fein ist die agrarische Arbeit ausdifferenziert: die mühsam angelegten Terrassenäcker, die komplizierten und verletzlichen Bewässerungssysteme, das Auf- und Absteigen der Berge in der Sennwirtschaft, das Melken einer Ziege, die Bedeutung einer einzigen guten Kuh für eine bäuerliche Familienexistenz. Die geschärften Sinne eines solchen Bauern scheinen jedem precision farming Hohn zu sprechen.

Der Autor schildert diese Lebensweise von ihrem Ende her. Die Söhne sind zur Arbeit am Staudamm verschwunden, an dem man Geld verdienen kann – und der das ganze Tal bedroht. In der Nachbarschaft tauchen die ersten solventen Wochenendhäusler auf – einem davon, einem Deutschen, ist Roccos Nussbaum im Weg, den sein Vater zu seiner Geburt gepflanzt hatte. Er versperrt den Blick ins Tal und soll per Gerichtsbeschluss gefällt werden.

In zweierlei Hinsicht ins Kauers Buch bemerkenswert.

Zum einen zeugt der Roman von einer intensiven Auseinandersetzung mit der landschaftlichen Praxis – mit der untergehenden und mit der entstehenden. Seine Genauigkeit macht den Autor nicht nur zu einem guten Chronisten, der immerhin Möglichkeiten des Lebens dokumentiert und aufbewahrt. Sie erschließt auch einen Reichtum in der menschlichen Umweltbeziehung. Sie zeugt von der Fähigkeit, sich die Dinge zeigen und erklären zu lassen und ist im Übrigen auch die redlichste Möglichkeit, jenen, deren Untergang in der Landschaft besiegelt ist, Respekt zu erweisen.

Zum anderen hat Kauer keinen sentimentalen Abgesang verfasst, auch wenn der Roman häufig als sozialkritische Fortschrittskritik rezipiert wurde. Denn dass die Kinder die Lebensweise ihrer Eltern, der alten Tessiner Bauern, aufgeben, wird in dem Roman nur zu verständlich. Die Lebenskultur des Mangels hatte nur wenig Spielraum für eigene Wege. Das Ende ist bitter, und doch ist die Vorstellung eines Rückwegs in die alten Verhältnisse eine beklemmende Vision. Ob sich das filigrane Ressourcenbewusstein der alten Kultur in einer neuen, nicht durch den harten Zug der Not gebundenen Kultur wieder aufgreifen lässt, bleibt eine unbeantwortete Frage.

Kenneth Anders

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