Treffen zum Kulturlandschaftsbegriff

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2. April 2007, 10-15 Uhr, FH Eberswalde

Teilnehmer: Reinhard Klenke (GNL Kratzeburg), Astrid Artner (ZALF Müncheberg) Lars Fischer (Büro für Landschaftskommunikation), Andreas Vetter (IRS Erkner), Gerd Lutze (ZALF Müncheberg), Uta Steinhardt (FH Eberswalde), Kenneth Anders (Büro für Landschaftskommunikation)

Vorbemerkung: Das Treffen geht auf den Arbeitskreis Kulturlandschaft der IALE-D zurück, innerhalb dessen es ursprünglich stattfinden sollte. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass der Kulturlandschaftsbegriff eine politische und wissenschaftliche Renaissance erlebt, ohne dass präzise geklärt ist, was unter Kulturlandschaft zu verstehen ist, so dass für eine Wissenschaftlergruppe keine gemeinsame Fragestellung aus ihm hervorgeht. Die politische Attraktivität des Begriffs steht in keinem ausgewogenen Verhältnis zur Vielschichtigkeit seines Gebrauchs. Die Initiatoren (Astrid Artner, Kenneth Anders und Uta Steinhardt) waren sich darüber einig, dass eine Verständigung über dieses Verhältnis notwendig ist, sofern in der umweltbezogenen Forschung der Kulturlandschaftsbegriff eine zentrale Rolle spielen soll.

Im Vorfeld waren neun Fragen an die Interessenten verschickt worden:

  1. Wo hat der Kulturlandschaftsbegriff für Sie seinen genuinen Ort, seine glaubwürdigste Funktion? Ist er eher ein wissenschaftlicher Begriff, ein politisches Konzept, eine ästhetisch-philosophische Anschauung, eine Idylle oder ganz etwas anderes?
  2. Wo würden Sie die Grenzen von “Kulturlandschaft” zu anderen Begriffen sehen, mit denen Räume, Gebiete und Systeme gefasst werden? Gibt es einen Gegenbegriff zu Kulturlandschaft? Welcher ist das und warum?
  3. Ist “Kulturlandschaft” ein Sonderfall von “Landschaft” bzw. in welchem Verhältnis stehen beide Begriffe? Gibt es eine menschlich überformte Landschaft, der Sie den Status einer Kulturlandschaft absprechen würden? Gibt es für Sie eine “ideale” Kulturlandschaft?
  4. In welchen Spielarten kann man den Kulturlandschaftsbegriff verwenden (z.B. deskriptiv, analytisch, normativ, etc.)? Wie verwenden bzw. verstehen Sie ihn bei Ihrer Arbeit und umgangssprachlich?
  5. Braucht die Wissenschaft den Kulturlandschaftsbegriff? Ist der Kulturlandschaftsbegriff ein sinnvolles heuristisches Konzept?
  6. Oder ist “Kulturlandschaft” vielmehr ein Konzept zur Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an die Politik und politischer Inhalte an die Öffentlichkeit? Kann der Begriff für den Transport wissenschaftlicher Ergebnisse an Politik und Gesellschaft fruchtbar gemacht werden? Sollte er das überhaupt?
  7. Gibt es inhaltliche Verknüpfungen des Kulturlandschaftsbegriffs zu anderen Konzepten wie Nachhaltigkeit”, “Biodiversität”, “Umweltverträglichkeit”, “sanfter Tourismus”, Regionalität?
  8. Ist Kulturlandschaft in Indikatoren und theoretischen Modellen greifbar oder gar messbar zu machen? Welche wären das?
  9. Welche Forschungsfragen interessieren Sie im Zusammenhang mit dem Kulturlandschaftsbegriff?

Die Teilnehmer des Treffens waren gebeten worden, zu diesen Fragen kurze Statements vorzubereiten. Außerdem gab es einige schriftliche Antworten, die auf ein breites Spektrum der Sichtweisen deuteten. Eher wissenssoziologisch inspirierte Perspektiven die auf die hinter der Rede von Kulturlandschaft wirkenden Muster und Interessen zielten, wurden von Markus Leibenath vertreten. Der Begriff ist demnach mit verschiedenen Interessen und Intentionen verknüpft. Es gibt keine besondere Legitimation. Leibenath interessiert weniger, was Kulturlandschaft ist, sondern, warum Menschen von Kulturlandschaft sprechen. Insofern ist der Begriff eine diskursanalytische Kategorie. Offensichtlich brauchen verschiedene Disziplinen den Begriff, er ist aber kein originäres wissenschaftliches Konzept. Verknüpfungen zu anderen Begriffen gibt es selbstverständlich, diese sind allerdings ebenso schwammig wie der Kulturlandschaftsbegriff selbst. Interessant wäre, welche konkurrierenden Diskurse und –stränge es gibt, womit sie verknüpft sind und in welcher Weise neue Kulturlandschaftsdiskurse zu Veränderungen in der Landschaft führen.

Dem steht die Möglichkeit gegenüber, mit „Kulturlandschaft“ das gegebene Habitat des Menschen zu bezeichnen, das es zu erforschen gälte (Ralf-Uwe Syrbe). Der Begriff Kulturlandschaft beschreibt die reale Lebensumwelt des Menschen. Kulturlandschaft wird damit nicht als abstrakter Begriff verwendet. Ein Gegenbegriff könnte Ökosystem sein (welches als Modell von der Wirklichkeit abstrahiert und ohne den Menschen auskommt). Kulturlandschaft ist kein Sonderfall von Landschaft, sondern nur eine Präzisierung des Grundwortes, womit die oft übersehene menschliche Prägung offenkundig zum Ausdruck gebracht wird. Der Begriff wird eher selten, wenn dann deskriptiv oder analytisch verwendet. Kulturlandschaft ist ein Realobjekt, das für jeden von uns mit anderen Bedeutungen und Werten verbunden sein kann. Somit kann es keine ideale Kulturlandschaft geben. Interessant wären Theorien, Modellansätze, Konzepte, die diesem so schwer fassbaren Wirkungskomplex zumindest nahe kommen. Wegen der sehr unterschiedlichen Herangehensweisen und theoretischen Ansätze sind vor allem die dazwischen liegenden Schnittstellen zu erforschen.

Jenseits dieser gegensätzlichen Positionen steht dagegen eine Auffassung, „Landschaft“ per definitionem als anthropogen geprägten Raum aufzufassen, so dass „Kulturlandschaft“ tendenziell tautologisch wäre – die Landschaft wirft ausreichend Fragen auf, die es zu beantworten gäbe (Wolfgang Haber). Nach Haber ist der Kulturlandschaftsbegriff nicht klar zuzuordnen. Die Grenzen werden vom Betrachter gesetzt, sind nicht real. Der Gegenbegriff Naturlandschaft ist nur scheinbar befriedigend. Was versteht man unter Kultur? Das bestimmt auch den Gebrauch von Kulturlandschaft. Der Kulturlandschaftsbegriff kann Wissenschaft und Politik vermitteln und auch wissenschaftliches Arbeiten stiften. Kulturlandschaft ist wohl nicht messbar, „obwohl ich praktische Versuche zugestehe“. Perspektivisch sind Fragen räumlicher Wahrnehmung und Strukturierung von Interesse.

Ansatzweise wurde auch die Relevanz einer Diskussion über den Kulturlandschaftsbegriff überhaupt infrage gestellt. Manchen Kollegen erscheint eine solche Definition als müßig, da man sich letztlich nicht auf eine gemeinsame Definition einigen könne; man solle also lieber zur Arbeit am Gegenstand übergehen. Dagegen gibt es die Auffassung, dass Kulturlandschaft nicht als Gegenstand sondern als Konzept aufgefasst werden könnte/müsste. Allerdings wird von den meisten Diskussionspartnern grundsätzlich anerkannt, dass die menschliche Gestaltung des Raumes im Landschaftsbegriff bereits konnotiert ist, so dass die Verwendung von „Kulturlandschaft“ mindestens eine besondere Betonung auf diese menschliche Einflussnahme impliziert – demnach stellt sich die Frage nach der Bedeutung des Präfix „Kultur“ (man könnte sonst auch präziser von Soziallandschaften sprechen).


Protokoll der Statements

Lars Fischer: Der Kulturlandschaftsbegriff ist eine Tautologie, da das Aneignungsparadigma bereits im Landschaftsbegriff steckt. Trotzdem hat der Begriff eine Funktion: er ist ein Residuum des Bildungsbürgertums – Kulturlandschaft ist Objekt des Vergnügens, des Genusses, ist auch ästhetisches Bildungsgut. Die Grenzen des Begriffs fransen je nach Wertesystem aus: Gegenbegriffe zum Kulturlandschaftsbegriff richten sich nach den Wertvorstellungen (Gegenpole zum humanistischen Wertebegriff). Es gibt durchaus ideale Landschaften – eben Kulturlandschaften. Wird Kulturlandschaft als wissenschaftlicher Begriff gebraucht, ist deshalb ein bürgerliches Verständnis der schönen Landschaft enthalten. Umgangssprachlich verwende ich den Begriff eher ironisch. Der Begriff gehört zu einer verbreiteten Form von Antragslyrik. Verknüpfungen gibt es zu allen Begriffen wie Nachhaltigkeit, Biodiversität etc. – weil er eine Blaupause für die Einlösung aller dieser politischen Vorstellungen darstellt. Messmethoden sind im strengen Sinne nicht gegeben, der Versuch ihrer Operationalisierung hat eher heuristischen Charakter. Ein Forschungsinteresse habe ich am Wandel des Begriffs als bildungsbürgerliches Deutungsmuster von Landschaft.

Reinhard Klenke: Kulturlandschaft assoziiere ich mit Idylle, mit einer ästhetisch, philosophische Anschauungsform. Die Abgrenzung gegenüber anderen Landschaften ist implizit. Gegenbegriffe sind Industrie- und Naturlandschaften. Der Kulturlandschaftsbegriff ist tendenziell tautologisch, allerdings sind die Konsequenzen, die aus einem völligen Verzicht auf den Begriff Kulturlandschaft resultieren (alles ist Landschaft) schwer überschaubar (es bedeutete auch Verzicht auf einen Begriff wie Naturlandschaft). Ich verwende den Begriff selbst eher deskriptiv, allerdings ist die Genese des Begriffs für seine Bedeutung maßgeblich. Das zeigt sich auch daran, dass der Kulturlandschaftsbegriff im Diskurs mit Akteuren ein wichtiges Werkzeug ist, um bestimmte Aspekte (Nutzung, Akzeptanz von Lebensräumen) deutlich zu machen. Die Positionen im öffentlichen Diskurs werden durch den Kulturlandschaftsbegriff ein Stück weit geöffnet/aufgelöst. Regionalität sollte für den Begriff eine prägende Rolle haben (Kultur als regionalisierender, konkrete Biodiversität als ausbildender Faktor). Das Problem der Dynamik wird allerdings weder in unserem landläufigen Naturverständnis noch in unserem umgangssprachlichen Kulturverständnis hinreichend sichtbar, hierin liegt ein massives Sprachproblem. Programmatisch (als Forschungsinhalt) ist die Abgrenzung zu anderen Gebrauchsformen interessant.

Astrid Artner: Hintergrund der eigenen Auseinandersetzung ist die Arbeit an der Broschüre „Future Landscapes“ – Perspektiven für die Kulturlandschaft. Grundlegend war eine nicht normative Verwendung: alles vom Menschen geprägte ist Kulturlandschaft. Daraus abgeleitet verstehe ich den Begriff als einen wissenschaftlichen, der deskriptiv zu gebrauchen ist.

Genuiner Ort: Landschaft ist m.E. mit ästhetischer Kategorie verknüpft – schöne Landschaft (Rheintal).

Kulturlandschaft als wissenschaftlicher Forschungsgegenstand ist immer im Spannungsfeld von politischem Interesse und wissenschaftlicher Analyse angesiedelt. Deskriptiver Gebrauch. Als soziologischer Forschungsgegenstand, der die relationale Anordnung als Raumbezugssystem verwendet, von anderen Raumkategorien (z.B. euklidischer Raumansatz der Naturwissenschaften) deutlich unterschieden. Damit ist der Kulturlandschaftsbegriff für die soziologische Forschung fruchtbar, da durch „Kultur“ ein menschlicher Bezug konnotiert und durch „Landschaft“ weniger die physische Raumeigenschaft betont wird. Kulturlandschaft ist auch eine analytische Kategorie, die die Aneignung, Gestaltung durch den Menschen betont. Umgangssprachlich (und von vielen Wissenschaftlern) wird allerdings eher die schöne Landschaft konnotiert, also als normative Kategorie.

Die Wissenschaft braucht den Begriff vielleicht nicht unbedingt, er stiftet aber Verbindendes und Interdisziplinarität. Als Schnittstelle zwischen Politik und Wissenschaft ist er fruchtbar und funktional. Der Begriff bündelt viele Fragestellungen. Daher hat er eine hohe Anschlussfähigkeit zu anderen (auch positiv besetzten) Begriffen. Kulturlandschaft ist nicht unmittelbar messbar, die Suche nach Indikatoren ist aber für ein Fassbarmachen von Kulturlandschaft im interdisziplinären Arbeiten sinnvoll. Modelltheoretische Ansätze finde ich sinnvoll, im interdisziplinären Dialog könnten dabei z.B. systemtheoretische Ansätze weiterführen. Mich interessieren vor allem raumsoziologische Fragestellungen, Diskurse über und Aneignungsweisen von Landschaft sowie die Veränderungen von Mensch-Raum-Relationen.

Andreas Vetter: Jede anthropogen überformte Landschaft ist Kulturlandschaft, der Aspekt der menschlichen Gestaltung wird damit betont. Kulturlandschaft ist ein Identitäts- und Handlungsraum und entsteht als Nebenprodukt ganz unterschiedlicher menschlicher Handlungen. Niemand hat ein institutionelles Monopol auf Kulturlandschaft: gemeinsame Geschichte, gemeinsame Tradition, gemeinsame Produkte und Erfahrungen überlagern und verdichten sich zu einer Kulturlandschaft, deren Prägung also durch verschiedene Gestaltungsweisen erfolgt. Es gibt empirisch keinen Gegenbegriff mehr, insofern ist er auch logisch nicht nötig. Kulturlandschaft kann als Potenzial der Regionalentwicklung erschlossen werden. Ideale Kulturlandschaften gibt es nicht bzw. sollten nicht das Ziel regionaler Entwicklung sein, weil hierdurch eine Nivellierung von Kulturlandschaften begünstigt würde.Vielmehr steht die Bewertung des jeweils bereits Vorhandenen, die Zielfindung sowie der Identifikationsprozess mit den Akteuren in der Region im Vordergrund. Konzeptionelle Beziehungen zu „Nachhaltigkeit“ und „Biodiversität“ sind gegeben. Kulturlandschaft ist, wenn ihr ein ganzheitliches Verständnis zugrunde gelegt wird, ein Integrationsbegriff für kulturelle, ökonomische und ökologische Dimensionen. Kulturlandschaft kann somit als Ausgangspunkt einer nachhaltigen regionalen Entwicklung dienen und dabei Zielstellungen der Erhaltung von Biodiversität integrieren. Interessante Forschungsfragen: Identität und Kulturlandschaft – eine empirische Frage. Wie lassen sich regionale Identitäten und Images fördern, vor allem bei Landschaften, die stark im Wandel sind? Es gibt keine eigenständige institutionelle Zuständigkeit für Kulturlandschaften – wie können die sektoralen Zuständigkeiten (mit potenziell konfligierenden Wert- und Handlungsorientierungen) zusammengeführt werden? Wie können schutz- und entwicklungsbezogene Ziele miteinander vereinbart werden?

Gerd Lutze: Der eigene Hintergrund als Wissenschaftler: die Landwirtschaft in der Landschaft, als Teil der Landschaft. Darauf aufbauende Annäherungsweise: holistisch (ganzheitlich) heuristisch (nicht von fester Theorie ausgehend, sondern sich ein Verständnis erarbeitend). Vordenker aus der Geographie, Boden- und Standortskunde, Geobotanik u. a. sind für mich prägend (Neef, Barsch, Haase, Bastian, Schmidt, Succow). Wenn sich Naturraum und Kulturraum in der Nutzung überlagern, kommen wir zur Landschaft (Messerli, Leser). Landschaft ist ein von der Naturraumausstattung vorgeprägter und von der historischen und aktuellen Landnutzung und -bewirtschaftung unterschiedlich gestalteter Ausschnitt einer Region. Landschaft bildet eine Raum-Zeit-Struktur, in der sich die Wechselwirkungen zwischen Natur und Gesellschaft vollziehen. Geographisch betrachtet ist Landschaft ein Mosaik von Topen innerhalb eines chorischen Zusammenhangs und funktionell ein Ensemble von Ökosystemen, einschließlich Nutzökosystemen (Lutze, Schultz & Kiesel 2004). Die Landschaft wird gebildet von unterschiedlich arrangierten Landschafts- und Geokomponenten bzw. –elementen, die ein charakteristisches räumliches Muster bilden. Da sich die Beziehungen zwischen diesen ökologischen Mustern und den Prozessen, die in ihnen ablaufen, auf verschiedenen Skalen wechseln, müssen Landschaften auf verschieden Raumebenen beobachtet werden.

Landschaftsökologie hat einen beispielhaften Umgang mit dem Raum entwickelt. Wann wird der Naturraum zur Landschaft? Wodurch beginnt die Rede von Kulturlandschaft? Artenreichtum der Landschaft hat Bezug zur abiotischen Diversität und dem langjährigen Nutzungseinfluss – kulturlandschaftliche Dimension. Ein hoher Anteil lässt sich aus der Landschaftsgenese begründen (Kleingewässer) ein anderer Anteil lässt sich aus der Nutzung herleiten (Hecken). Aus diesen Beziehungen können Bewertungsgrundlagen abgeleitet werden, die Aussagen zur biotischen Integrität von Landschaften ermöglichen (Weg zur objektivierten Betrachtung).

Schließlich: Wenn man sich fachlich mit (Kultur-)Landschaften beschäftigt, sollte man auch eine möglichst präzise, fassbare Definition seines Forschungsgegenstandes formulieren.

Uta Steinhardt: Das Dilemma für den Begriff resultiert aus seiner über Jahrhunderte gewachsenen Komplexität, die sich nicht per definitionem reduzieren lässt. Prägung des eigenen Landschaftsbegriffes durch die Geografie, nach dem der Kulturlandschaftsbegriff eigentlich auch überflüssig würde. Menschlicher Einfluss ist universal. Menschliche Aneignung ist ein interessanter Fokus: Naturraum kann sogar durch ästhetische Aneignung zu Landschaft werden. Ästhetisch-emotionaler Aspekt wird durch Kulturlandschaft betont – funktional-analytischer Schwerpunkt ist in den letzten Jahrzehnten in Geografie und Landschaftsökologie überbetont worden. Heute treten sich beide Strömungen wieder gegenüber und müssen zusammengeführt werden. Kulturlandschaft als Veränderung von Mensch-Raum-Relationen (Wechselwirkungen, nicht nur die Prägung des Raums durch den Menschen, sondern auch umgekehrt). Grundsätzlich pflege ich ein pragmatisches Verständnis: Wenn denn alle den Kulturlandschaftsbegriff verwenden wollen, sollte man ihn eben verwenden. Es finden auch um den Landschaftsbegriff ähnliche Debatten statt (Landschaft als Konzept, als Gegenstand, als Bühne, als hierarchische Ebene etc.). Landschaft findet sich aber auf allen Skalenebenen, was man von Kulturlandschaft vielleicht nicht sagen kann. In der Ökologie dagegen versteht man Landschaft auch als spezifische Größe eines Raumausschnittes, also als Bezeichnung für ein bestimmtest Betrachtungsniveau (neben Zelle – Organismus – Population … Landschaft … Universum).

Kenneth Anders: Kulturlandschaftsbegriff ist politisch: ein Wert, der zu erhalten, zu schützen oder zu entwickeln ist. Wissenschaftlich ist der Begriff verzichtbar, weil ein Landschaftsbegriff die menschliche Aneignung beinhaltet. Die Wissenschaft verzichtet trotzdem nicht, weil sie durch die Nutzung des Begriffs Forschungsressourcen aufschließen will. Warum funktioniert das? Im Wort Kulturlandschaft steckt unverzichtbare Konnotation, die in der philosophisch-ästhetischen Reflexion erschlossen werden kann: Kulturlandschaft als projizierter Raum, in dem gelingendes soziales Leben möglich erscheint, als ideales menschliches Habitat. Die „Kulturlandschaftlichkeit“ eines Areals nimmt in dem Maße ab, wie es durch die Ausdifferenzierung seine Multifunktionalität einbüßt. Ein sinnvoller Gegenbegriff zu Kulturlandschaft kann „Funktionsraum“ sein, aber auch „Wildnis“. Normative Züge des Begriffs sind nicht wegzudefinieren. Deswegen verwende ich den Begriff bisher eigentlich gar nicht. Sinnvoll wird der Begriff erst dann, wenn die normativen Elemente ernst genommen werden. Kulturlandschaft im o.g. Sinne trägt nachhaltige Lebensformen als regulative Idee in sich. Biodiversität: landschaftliche Vielfalt ermöglicht auch Vielfalt natürlichen Lebens. Kulturlandschaft wird durch zwei Parameter greifbar, wenn auch vielleicht nicht messbar: a)Vielfalt der Nutzungen (erscheint eine Landschaft vielfältig, sind viele gelingende Lebensformen in ihr vorstellbar) b)Historizität, Vorkommen von Spuren (es wird erlebbar, dass die Gegenwart Gedächtnis hat, dass sie lernfähig ist). Vor diesem Hintergrund ist es logisch, dass z.B. traditionelle Weinanbaugebiete exemplarisch als Kulturlandschaft wahrgenommen werden. Interessant wäre empirische Befragung nach idealen Kulturlandschaften (eigene Heimat, berühmte europäische Landschaften – basieren die Ideale auf eigener oder Medienerfahrung etc.). Gibt es einen Kulturlandschaftsgradienten, der nicht normativ ist? Schön wäre auch ein Atlas deutscher Kulturlandschaften, mit Witz und Akribie, zunächst als Internetprojekt.

Protokoll der Diskussion:

Der Begriff Kulturlandschaft wird oft als Distinktionsmittel verwendet (z.B. grenzt sich der Spreewald von den anderen Regionen ab). Lässt sich der Begriff auch als „Trojaner“ benutzen (Fischer), um bestimmte Anliegen in der Landschaft zu kommunizieren?

Ist der Kulturlandschaftsbegriff konservativ (Klenke)? Man erkennt ein gewachsenes Schutzgut und will es erhalten, obwohl die Triebkräfte meist nicht mehr wirken.

Zuweilen ja, allerdings nicht zwingend (Fischer). Der Blick zurück kann über Generationen handlungsleitend für eine ganze Region sein und dadurch Landschaft gestalten und neu formieren helfen. Im Anschluss an Neef kann man fragen: Welche Umstände müssen sich ändern, damit Landschaft (als Kulturlandschaft) bewusstes Gestaltungsobjekt wird?

Offen bleibt die Frage, ob Kulturlandschaft mehr ist als „Landschaft unter besonderer Betonung des anthropogenen Einflusses“. Anders schlägt vor, die Vorstellung „ideales Habitat des Menschen“ ernst zu nehmen. Worauf stützt sich eine solche Perspektive? Utopisches Moment des Begriffs, politischer Anspruch in seinem Gebrauch, wissenschaftlicher Beschreibungsanspruch: Dort, wo Landschaft Gegenstand bewussten Handelns wird, also nicht mehr nur Nebenprodukt von Naturaneignung ist, entsteht Kulturlandschaft. Kulturlandschaft setzt Reflexion voraus und ist mit Konflikten verbunden. Landschaft ist gegeben, Kulturlandschaft ist gewollt. Die Auseinandersetzungen um die Formen, in denen soziales Leben im Raum gelingen kann, finden in der Politik statt und können von der Wissenschaft nicht beantwortet werden. Die Wissenschaft kann aber solche Auseinandersetzungen befördern, begleiten, mit Daten und Wissen versorgen. Die Anerkennung von Multifunktionalität ist konstituierend für das Verhältnis von Subjekt und Kulturlandschaft. Haben sich die Räume radikal ausdifferenziert, verliert die Forderung des Subjekts nach einer angemessenen Umwelt ihren räumlichen Anker, sie wird im wahrsten Sinne des Wortes gegenstandslos.

Die Auseinandersetzungen um Schutzgebietsausweisungen, Kraftwerksbauten, Schweinemastanlagen, Bergbauverritzungen etc. zielen auf je verschiedene Vorstellungen von Kulturlandschaft. Die bewusste Gestaltung von Kulturlandschaft ist mit Paradoxien verbunden, da niemand alle bestimmenden Faktoren auf sich vereinen kann – das ist der Unterschied von Landschaft und Garten. Kulturlandschaft gestalten heißt: den Anspruch des Gartens auch in der Landschaft aufrecht zu erhalten.
Ein Einwand wird in Bezug auf die Bedeutung der Arbeit vorgenommen (Steinhardt). Arbeit ist eine Aneignungsform neben anderen Zugängen zur Landschaft (die aus einer geringeren Abhängigkeit vom Naturraum herrühren. Das Verhältnis zwischen Arbeit in der Landschaft und z.B. Genuss ist unklar. Was nützt ein solches Verständnis der Kulturlandschaft als Terrain von Auseinandersetzungen um unsere Umwelt für die Lehre oder für die Argumentation mit der Politik?

Gegen eine solche Lesart steht auch die intuitive Verwendung des Begriffs, wie sie von Astrid Artner geschildert wird. Demnach wäre „Kulturlandschaft“ gegenüber „Landschaft“ der weniger durch ästhetische und normative Prägungen belastete Begriff – womit genau die umgekehrte Wahrnehmung gegriffen hätte.

Ein weiterer Einwand (Vetter) bezog sich auf die Formulierung vom gelingenden Leben. Solche Fragen könnten in der Wissenschaft nicht entschieden werden. Anders erwidert, dass das auch nicht gemeint ist, sondern dass entsprechende Vorstellungen in der Rede von Kulturlandschaft verborgen sind und dass sie (als Forschungsgegenstand wie auch als Legitimation der eigenen Forschung) ernst genommen werden müssen.

Strittig war auch die Rolle des Ästhetischen. Dieses müsse in der Landschaft in den Auseinandersetzungen selbst produktiv gemacht werden (Fischer) – Das Ästhetische ist nicht das Schöne, so wie die Ästhetik sich längst von der Fixierung auf diese eine Kategorie gelöst habe, müsse dies auch die Landschaftsästhetik tun. Allerdings ist Schönheit ein konstituierendes Moment (Klenke). Habitatbewertung aus der Evolutionserfahrung. Funktionalität und Ästhetik. Die Schönheit einer Landschaft ist ein diskursives Produkt. Entsprechende Vorstellungen sind wiederum kulturell bedingt. Man kann nicht festlegen, das ist schön, also wird es so umgesetzt. Ist der Fokus Kulturlandschaft ein Modus, Aufmerksamkeit für die eigene Umwelt zu erzeugen? Bsp. Precision Farming – es scheint nicht mehr nötig, Wissen von der eigenen Fläche zu haben. Passen wir die Umwelt unseren Technologien an oder passen wir die Technologien den naturräumlichen Bedingungen an?

Fragmentierung von Landschaft/Segregation oder Multifunktionalität. Indikator für Kulturlandschaft, weil darin zum Ausdruck kommt, dass die beschränkten Zwecke nicht den gesamten Raum dominieren.

Als Ausblick wird überlegt, das eigene Forschungsmaterial auf die o.g. Interpretation von Kulturlandschaft hin durchzuarbeiten und dadurch einen empirischen Halt für Kulturlandschaft als normatives Spannungsfeld zu erarbeiten: Welche Fragen der Politik an die Wissenschaft, welche Argumente in regionalen Auseinandersetzungen, welche Handlungen und Konflikte zielen auf die Gestaltung von Kulturlandschaft? Ein entsprechendes Treffen bei der IALE – Tagung 2007 in München könnte diesen Faden weiterführen und erste Ergebnisse dieser Sichtung zusammenführen. Die Teilnehmer lassen sich aber offen, inwiefern sie diesen Ansatz für tragfähig erachten. Es ist auch noch nicht sicher, ob wir uns in Bezug auf die verschiedenen Deutungen richtig verstanden haben. Fortsetzung folgt – gegebenenfalls.

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