Die schwere Kolonie. Das Oderbruch.

Gemüsegarten Berlins und Paradies für Raumpioniere. Collage aus einer Landschaft in Berlins naher Ferne

Hintergrund
„Kulturland Brandenburg“ förderte 2008 Projekte, die Berlin-Brandenburgische Landschaften unter dem Leitmotiv „Provinz und Metropole – Metropole und Provinz“ verarbeiten. Gemeinsam mit Andreas Röhring vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) realisierte das Büro für Landschaftskommunikation eine Bühnencollage, die die besondere Beziehung des Oderbruchs zur Stadt und zu staatlicher Obrigkeit in Potsdam und Berlin verdichten sollte. Dabei entstand eine Bühnenproduktion aus Theater, Bild- und Soundcollage. Für diese Entscheidung sprach vor allem die Erfahrung, dass sich Konflikte in der Landschaft besser in Form von Geschichten kommunizieren lassen.

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Der Konflikt – Preußens spezielle Provinz

Das Oderbruch ist eine vom preußischen Staat gemachte Landschaft – es verdankt sich einem der größten Eingriffe in den Naturraum des 18. Jahrhunderts. Seither ist der Staat in der Pflicht: Der hohe technische und soziale Regulierungsaufwand für die Landschaft zieht sich durch die Jahrhunderte. Die besondere Rolle des Staates für die Landschaft war so lange unproblematisch, wie diese die Metropole direkt mit Nahrungsmitteln versorgte. Durch die Globalisierung des Agrarmarktes lockert sich jedoch diese Abhängigkeit der Stadt vom Land. Seither ist das Oderbruch besorgt um die zukünftige Schirmherrschaft des Staates.

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Die Geschichte – ein politischer Festakt

Die Collage wählte folgende dramaturgische Grundidee: Oderbruch 2022 – zum 275. Jahrestag der Trockenlegung stehen Feierlichkeiten ins Haus. Politische Prominenz wird erwartet, wichtige Reden sollen gehalten werden. Aber wer soll sie schreiben?

In der Berlin-Brandenburgischen Staatskanzlei muss ein Referent des Umweltministeriums die richtigen Worte finden: Karl-Friedrich Koenig. Er stammt aus dem Oderbruch, er kennt die Sorgen und Hoffnungen der Provinz. Aber er darf nicht zuviel versprechen. Die Rede seines Ministers soll den Oderbrüchern schonend klar machen, dass die Leute ihre Landschaft selbst in die Hand nehmen müssen. So etwas zu sagen, ohne jemandem weh zu tun, ist nicht leicht.

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Auch die Oderbrücher selbst wollen sich äußern. Hier beauftragt man den Sproß einer alten Kolonistenfamilie mit der schweren Bürde – Marcel Bruchmüller. Er soll die richtigen Worte finden, wenn es darum geht, die Sorgen und Nöte in der Provinz zu schildern und den Staat an seine besondere Verantwortung gegenüber dem Oderbruch zu erinnern. Die Aufgabe fällt ihm nicht leicht. Statt einer geschliffenen Rede erfährt das Publikum, wie mühsam die Kolonisten in knapp drei Jahrhunderten versucht haben, ihr Leben in Sicherheit und Selbstbestimmung zu führen.

Die möglichen Überlegungen und Abwägungen, auch die Frustrationen und Hoffnungen der Redenschreiber werden von einem Sprecher paraphrasiert. Der Text setzt sich aus einer Vielzahl an historischen Zitaten zusammen, die das Verhältnis des Oderbruchs zur Metropole verdeutlichen. Die Zitate werden in Stummfilmmanier eingeblendet. Dazu werden Fotos gezeigt, die das Oderbruch als eine Landschaft voller Geschichte und Widersprüche zeigen.

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Die abschließende Rede des Ministers zum Festakt geht in einer Sound- und Bildcollage unter. Die graustufig zurückgesetzten Bilder enthalten einzelne farbige Elemente. Die Geräusche des Oderbruchs reichen vom Maschinenlärm der Trecker, der Krautungsmaschinen und der Hubschrauber im Katastrophenfall bis zum scheppernden Gesang der Grauammer. Die Rhetorik verstummt: Hinhören, Hinsehen.

Der Text der Collage ist nachzulesen auf: www.oderbruchpavillon.de

Mitwirkende: Kenneth Anders, Lars Fischer, Andreas Röhring, Almut Undisz und Sebastian Undisz

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