Mikael Niemi: Der Mann, der starb, wie ein Lachs

Roman. Aus dem Schwedischen von Dr. Christel Hildebrandt. btb-Verlag 2009

In seinem Erstlingswerk „Popularmusik aus Vittula“ hatte Niemi seine  Heimatregion, das nordschwedische Tornedal, wie durch ein Kaleidoskop beschrieben. Mannigfache Eindrücke wurden hier wiedergegeben, manche sind abgründig, andere komisch und wieder andere rätselhaft, alle sind durch die Perspektive der Kindheit bestimmt. „Der Mann, der starb wie ein Lachs“ wirft dagegen einen wesentlich politischeren Blick auf diese Region und bedient sich dafür der Kriminalgeschichte.

Zentrales Thema ist der hier gesprochene Dialekt, das Miänkeli, das als finnische Mundart durch lokalen Gebrauch und zahlreiche Lehnwörter aus dem Schwedischen geprägt ist. Obwohl das Tornedal de facto „immer“ zu Schweden gehört hat, steckt die Bevölkerung in einem komplizierten Minderheitenkonflikt, der vor allem durch diese Sprache vermittelt ist. Die Anerkennung ihrer Kultur wurde im Reichsschweden Jahrhunderte lang verweigert. In den Schulen wurde nur Schwedisch unterrichtet, die Minderheit fühlte sich gerade in ihrer Muttersprache minderwertig. Der vom Nationalstaat ausgeübte Druck zeitigte über die Jahrzehnte Wirkung: Viele Tornedaler ließen ihre finnischen Namen ins Schwedische übersetzen und erzogen ihre Kinder in Schwedischer Sprache, die sie selbst nur mühsam angelernt hatten. Dadurch gehen viele Bedeutungen und Facetten der Landschaft und ihrer Lebensart verloren, nicht zuletzt die Wärme und Sicherheit der Muttersprache. Die Rehabilitation des Miänkeli in der Gegenwart kommt für Vieles und Viele zu spät: Die Kinder der dritten Generation beherrschen es kaum noch, entsprechend dem allgemeinen demografischen Trend träumen sie von Stockholm und der weiten Welt und zeigen kaum Bedürfnisse an den lokalen Ausdrucksformen. Niemi gelingt es in seiner Kriminalgeschichte, den damit verbundenen Verlust greifbar zu machen und in einer mythologischen Verdichtung eine atemberaubende Brücke zwischen Landschaft, Mensch und Sprache zu schlagen.

Ein alter Mann ist ermordet worden – auf martialische Weise aufgeschlitzt mit einem Lachsspieß. Die polizeilichen Untersuchungen stoßen auf zwei Fährten – entweder ist ein trivialer – wenn auch brutaler – Raubmord vorgefallen oder das Verbrechen hat etwas mit der ermordeten Person selbst und ihrer Stellung im Tornedal zu tun. Alle Nachforschungen zur Geschichte dieses Martin Udde führen in einen Sumpf an Schuld und Versagen. Die Ballung an Bösem, die dem Ermordeten schließlich anhaftet, ist kaum zu überreffen: Als Lehrer, Mitarbeiter der Jugendfürsorge und schließlich sogar beim Zoll hat Udde sein Unwesen getrieben und sich in der Region zu einer verhassten Person entwickelt. Seine tornedaler Wurzeln hat er wie mit dem Teufel ausgetrieben, um sie anschließend auch den ihm anvertrauten Menschen auf grausame und demütigende Weise zu nehmen. Dass er sogar Kinder misshandelt hat, scheint für einen plausiblen Krimi schon zu stark, aber Udde ist keine realistische Figur – er ist eher ein mythischer Agent des schwedischen Nationalstaates, der die Menschen dieser entlegenen Landschaft unterdrückt und vergewaltigt und ihnen ihre Lebensader abschneidet.

Dieser Figur ist eine noch stärker mythisch überhöhte Gestalt entgegengesetzt – ein Phantom, Uddes heimlicher Sohn, von seiner schamanistischen Mutter jenseits von Schule, Dorfgemeinschaft  und Öffentlichkeit zum einzigen freien Tornedaler erzogen worden. Diese Gestalt wird in dem Roman kaum mehr greifbar – in einem dunkeln Dachzimmer wohnt sie, taucht in Stockholm auf, ist überall und nirgends, vereint in sich das ambivalente Potential dieser Kultur, nach der erlittenen Vergangenheit als Monster oder aber auch als Lichtgestalt in Erscheinung zu treten.

Leichter ist dieser Konflikt anhand zweier anderer Figuren zu beschreiben. Auf der einen Seite die Stockholmer Polizeibeamte Therese, die sich zunächst als fitnessgestählt und etwas arrogant in den Ermittlungen aufbaut, auf der anderen Seite Esaias, ein Torndedaler, der zunächst selbst zu den Verdächtigten gehört und der für die Wiederaneignung der eigenen Tradition in Sprache und Landschaftsbezug durch eine jünger Generation steht.

Dass die beiden ein Liebespaar werden, deutet die Perspektive an, die Neimi schließlich geradezu utopisch im Ausgang des Kriminalfalls projiziert. Am Ende kommen fast alle Figuren des Romans in einem Tanzfest zusammen. Nach und nach geben sie ihre Identität preis – und entpuppen sich letztlich alle als Torndedaler. Stadt und Land, Reichsschweden und Provinz, Welt und Dorf finden schließlich zueinander und der wahre Mörder bleibt wohl ungesühnt, weil es dem Recht für dieses Mal die Sprache verschlägt. Bei Niemi sind so viele spannende Figuren und Anekdoten in einer mythischen Überhöhung zusammengeführt, dass man diesen Ausblick nicht als Happy End, sondern als kulturelles Projekt anerkennen kann. Denn die offenen Fragen, die Schuld und die Ratlosigkeit, was denn wohl aus einer Region wie dem Tornedal werden mag, nachdem man es beinahe all seiner Spezifik beraubt hat, um es zu einem ordentlichen Teil des modernen Nationalstaates zu machen, überwiegen trotz allem.

Darin beweist der Roman seine Bedeutung über das Lokalkolorit hinaus: Die Provinzen, nachdem, sie unerbittlich verschlungen und begradigt worden sind, werden heute wieder ausgespieen und sich selbst überlassen. Der Erfolg der nationalen Angleichung ist letztlich der, dass die Menschen aus diesen Landstrichen wegziehen wollen: in die Metropolen, wo sich die vermittelten Werte am besten leben lassen. Diese Regionen, egal ob in Schweden oder anderswo, benötigen ihre Traditionen, um ihren Ort in der Welt neu zu finden. Aber sie brauchen auch die Teilhabe an den Gesellschaften jenseits der eigenen Region, um nicht im Verhängnis der Geschichte und der Enge des eigenen Mangels zu ersticken.

Kenneth Anders (2010)

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