Susan Beth Pfeffer: Die Welt wie wir sie kannten

Roman. Aus dem Englischen von Annette von der Weppen. Carlsen Verlag Hamburg, 2010

Obwohl der Roman wie ein waschechtes Jugendbuch geschrieben ist – als Tagebuch eines sechzehnjährigen Mädchens in Philadelphia – entfaltet er in einer bemerkenswerten Dichte zivilisatorische Ängste. Die Geschichte beginnt mit Sprachwitz und Sinn für die Sorgen einer amerikanischen Highschoolschülerin. Miranda erzählt über ihre alltäglichen Sorgen: Der geschiedene Vater ist weit weg und gründet gerade eine neue Familie, der geliebte große Bruder ist zum Studium ebenfalls außer Haus. Gemeinsam mit der Mutter und dem kleinen Bruder erlebt sie die Konflikte einer amerikanischen Kleinstadtjugend: Eine Freundin ist in der evangelikalen Kirche entrückt, die andere steckt mitten in den ersten sexuellen Abenteuern, Miranda selbst wird von Unsicherheiten geplagt. Da passiert das Unvorstellbare: ein Komet schlägt auf dem Mond ein und verändert dessen Umlaufbahn. Während die Leute noch auf der Straße stehen, um das astronomische Ereignis wie eine der üblichen Sonnenfinsternisse zu bewundern, nimmt die Katastrophe ihren Lauf: Tsunamis, Erdbeben und eine nicht enden wollende Vulkantätigkeit setzten die amerikanischen Küsten unter Wasser, verdüstern die Atmosphäre, fordern Millionen Tote und beenden mit einem Schlag das globale Wirtschaftsleben.

Was zunächst wie eine allzu steile Ausgangsidee daherkommt, wird nun als ein Science-Fiction-Kammerspiel mit großer Sorgfalt durchgespielt. Im Mittelpunkt steht das Energieproblem. Erdöl und Erdgas versiegen bald, nach den sofort einsetzenden Hamsterkäufen in den Supermärkten kommt die Lebensmittelversorgung völlig zum Erliegen. Bald setzt auch die Stromversorgung aus und schließlich versiegt sogar der mediale Informationsfluss: Das Telefon ist tot, das Internet entfällt mit der Elektrizität, aus dem Kofferradio dringt nur noch ein Rauschen. Alle gesellschaftlichen Systeme brechen zusammen, irgendwann bleibt die Post zu, die Schulen geben den Betrieb überwiegend auf, das Krankenhaus schließt nach einer verheerenden Grippeepidemie, die nochmals viele Tote fordert. Viele Familien schlagen sich in den Süden durch, wo es besser sein soll, die Vereinigten Staaten fallen jedoch auseinander und bewachen ihre Grenzen mit militärischem Aufwand, Flüchtlingscamps entstehen mitten in den USA. Die Häuser, in denen die Bewohner verendet sind, werden sofort geplündert, das staatliche Gewaltmonopol lässt nichts mehr von sich hören. Miranda steht mit ihrer Familie vor der Aufgabe, in der ungewissen Hoffnung auf eine Besserung der Situation die Wintermonate mit den gehorteten Konserven zu überleben. Das Leben kreist um immer knapper werdende Fertigsuppen, Dosengemüse, Aspirin, Batterien und Brennholz. Schokolade wird zu einem unvorstellbaren energetischen Luxus. Der Kontakt zu den fernen Angehörigen, so sie nicht gestorben sind, bricht ab. Man begleitet die Familie in ihren Ängsten und sieht ihnen beim täglichen Hungern zu: Immer weiter schränken sie ihre Mahlzeiten ein, immer enger müssen sie im Haus um den einzigen Ofen zusammenrücken, der ihnen im Gegensatz zu anderen Haushalten einen großen Überlebensvorteil sichert. Der tägliche Aktionsradius wird in Kälte und Schnee immer kleiner, es fehlt jede greifbare Hoffnung, Angst bestimmt den Alltag. Mitunter gibt es Freuden: eine wundersam auftauchende Schachtel Pralinen als Geburtstagsgeschenk für die Mutter, die abendlichen Spiele, das gemeinsame Singen, weil man die sich immer weiter ausbreitende Stille sonst kaum noch ertragen würde. Die Kinder werden in wenigen Monaten erwachsen und sie lernen, sich und ihr Leben inmitten der Not zu lieben. Je leerer es in der Speisekammer wird, umso klarer wird dieses Vermögen, trotz der Verzweiflung persönliches Glück zu empfinden. Zuweilen ist man an Berichte von Zeitgenossen früherer Entbehrungen erinnert.

Ob sich ein katastrophaler Zusammenbruch Weltwirtschaft wirklich in der beschriebenen Weise auswirken würde, kann man in einigen Punkten bezweifeln. So ist z.B. Annahme, dass sich die Familien wie kleine Trutzburgen mit ihren Vorräten gegeneinander vollkommen abgrenzen und isolieren, in einigen Hinsichten fragwürdig. Der Roman verzichtet auf spontane außerfamiliäre Lern- und Kommunikationsprozesse, auch werden spontane Resozialisationen, von denen bestimmt einige zu erwarten wären, nicht durchgespielt. So könnte man ebenso mit einer schnellen Reaktivierung regionaler Tausch- und Handelsbeziehungen rechnen wie auch mit der Herausbildung – wahrscheinlich unangenehmer – lokaler Herrschaftsformen, da das staatliche Gewaltmonopol nicht mehr herrscht. Lediglich die Gefahr von räuberischen Übergriffen  wird plastisch beschrieben.

Diese Fragen sind spannend, denn ein viele der Systeme, in denen wir heute leben, basieren eben auf der energetischen Absicherung überregionaler Versorgungs- und Informationsströme, ihr Zusammenbruch würde lokal sehr verschiedene Folgen zeitigen. Allerdings wäre es verfehlt, der Autorin diese Konzentration auf eine Kleinfamilie zum Vorwurf zu machen. Ihr ist mit gut beschriebenen Protagonisten ein eindrückliches Bild gelungen, dass uns vor Augen führt, was von unserer Welt übrig bleibt, wenn sich der Tropf, an den wir sie angeschlossen haben, schließt: fast nichts, fürs erste jedenfalls. Wem immer die Behaglichkeit der Hobbits im Auenland als aussichtsreiche Perspektive für die Epoche der Nachhaltigkeit erscheint, muss sich darauf einstellen, dass es einige Generationen braucht, bis man sie vielleicht erreicht hat. Bis dahin ist das Leben eher trostlos – und ziemlich gefährlich.

Kenneth Anders

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