Y-Trasse im Städtedreieck Bremen, Hamburg und Hannover

1. Zeitraum

1983-2007 Vorstudien der Deutschen Bahn zur Wirtschaftlichkeit und ökologischen Verträglichkeit. Im Jahr 1993 wurden erste Pläne zur Y-Trasse vorgestellt. 1999 Umweltverträglichkeitsstudie, Umweltverträglichkeitsprüfung, 2000 Planfeststellungs-verfahren, 2001 Planfeststellungsbeschluss, 2003 in Aussicht gestellter Baubeginn, 2004 Vorübergehende Einstellung der Planungen, 2006 plötzliche Wiederaufnahme des Planungen unter höchster Priorität des Bundes.1


Ansichten auf Höhe der Ortschaft “Tadel”, ganz in der Nähe von Visselhövede. Hier soll die Y-Trasse in Richtung Bremer Gleisanschluss fortlaufen.

2. Objekte des Konflikts

Es handelt sich um eine neu zu errichtende Bahntrasse, die den Schienenverkehr im Bundesland Niedersachsen optimieren soll. Die sogenannte Y-Trasse führt aus Richtung Hannover kommend entlang der A7 und verläuft ab dem Autobahnkreuz entlang der A27 in Richtung Bremen. Die ausgewählte Variante 1 verläuft ab der Stadt Walsrode von der Autobahn abweichend in nördlicher Richtung. Auf Höhe der Stadt Visselhövede teilt sich die Strecke in zwei Gleise und führt dann weiter in Richtung bestehender Bahntrassen die nach Hamburg und Bremen verlaufen. Insgesamt sollen 70 km neuer Gleisanlage errichtet werden, die für Hochgeschwindigkeitszüge bis 300 km/h befahrbar sind.

Eine weitere Planungsversion sah eine Führung der Trasse entlang der A 7 bis Hamburg-Harburg vor. Ein Argument, warum diese Variante ausgeschieden ist, liegt in der längeren Streckenführung und den damit verbundenen höheren Kosten. Der Ausbau bestehender Gleisanlagen wie z.B. der „Heidebahn“ entlang der Ortschaften Walsrode, Bad Fallingbostel, Dorfmark und Soltau wurde wiederholt von Kritikern der Y-Trasse angeführt, jedoch ohne bisherigen Erfolg.

Von dem Bau der neuen Gleisanlagen sind die beiden Landkreise Soltau-Fallingbostel und Rotenburg betroffen. Die agrarwirtschaftlich geprägte Landschaft in den beiden Kreisen erfährt bei Realisierung des Vorhabens eine starke Veränderung. Aufgrund der Zerschneidung von Feldern und Forsten und den zu errichtenden Unterführungen und Brücken wird sich das Landschaftsbild wandeln. Den Bürgern der direkt betroffenen Gemeinden steht eine Beeinträchtigung der Lebensqualität und touristischer Vermarktungsmöglichkeiten bevor. Die zu erwartende Lärmbelästigung wird den Alltag und die Freizeitausübung beeinträchtigen, oftmals mühsam aufgebauter Agrar-Tourismus von landwirtschaftlichen Kleinbetrieben wird womöglich gänzlich ausbleiben. Innerhalb der Bevölkerung ist ein weiterer Punkt des Anstoßes der nur indirekte Nutzen einer Trasse für die Region. Die Planungen sehen keine Anbindung oder Haltestellen für die Landkreise vor, lediglich die drei Städte Bremen, Hamburg und Hannover werden effizient miteinander vernetzt.

3. Beteiligte

Das Bundesverkehrsministerium (Wolfgang Tiefensee, SPD) hat im Jahr 2006 die Entscheidung getroffen, das Planfeststellungsverfahren mit einer Summe von 50 Millionen Euro zu finanzieren. Die Deutsche Bahn ist somit aufgefordert entsprechende Planungen anzufertigen und damit den Baubeginn der Trasse zu ermöglichen. Aufgrund der Finanzierungsfrage war das Projekt im Jahr 2004 von der DB als „mittelfristig zurückgestelltes Vorhaben“ beschrieben worden. Daraufhin richteten die Senatoren und Minister (Kastendiek, CDU, Bremen; Hirche, FDP, Niedersachsen; Gedaschko, CDU, Hamburg) ein Schreiben an den Bundesverkehrsminister, in dem sie die Unabdingbarkeit der Y-Trasse herausstellten.2

Auf der Seite der Y-Trassen Gegner ist sind wichtige Vereinigung der seit 1998 bestehende Verein „Bürger für Umwelt“, des Weiteren der Verein „Bürger für eine lebenswerte Wedemark BLW e. V.“, „Umweltschutzverband Bothel / Brockel e.V.“ und die Initiative „Bi Rosengarten“. Die Gegner der zu errichtenden Trasse sind aus den unterschiedlichsten Kreisen, Berufsspaten und Altersklassen zusammengesetzt. Gerade auch Landwirte aus der Region haben in den 90er Jahren mit großen Protestplakaten auf die Situation aufmerksam gemacht. Es gab eine breite Mehrheit in der Bevölkerung, die eine Trasse ablehnt. Aufgrund der langjährigen Auseinandersetzung und der nunmehr plötzlichen Reaktivierung der Pläne ist aktuell eine gewisse Resignation in nicht direkt betroffenen Bürgerkreisen zu verzeichnen.

4. Argumente und Werte

Ferlemann, CDU: „Die Chinesen stehen in den Startlöchern, die Inder auch.“3 Die Gründe zum Ausbau der Trasse werden zurzeit von den zu erwartenden Wachstumsraten gestützt. Die Globalisierung, die Osterweiterung, ansteigende Transportzahlen aufgrund der Tiefwasserhäfen Wilhelmshaven und Bremerhaven, Bau des Jade-Weser-Ports, all dies sind Sachargumente der Befürworter. Die DB führt als Hauptargument die „Hinterlandanbindung der deutschen Seehäfen“ an. Aussage Bundesverkehrsministerium: „Die Y-Trasse ist eine wesentliche Voraussetzung für die Entmischung der schnellen und langsamen Verkehre im norddeutschen Raum und für die Stärkung des Schienengüterverkehrs unabdingbar.“4 Im Wesentlichen handelt es sich bei den von der Politik vorgebrachten Argumenten um ökonomische Zwänge. Diese führen dazu, dass im Sinne des Allgemeinwohls ein Vorhaben mit erheblicher Auswirkung für die Region dennoch umgesetzt werden soll. Die lokale Politik beschränkt sich nunmehr hauptsächlich auf Ausgleichsforderungen und dem Wunsch nach einer Anbindung der Region.

Auf Seiten der Gegner gehen Argumente zum Ausbau bestehender Bahntrassen nunmehr weitgehend unter, die Präsenz von Politik und Verkehrsplanung erscheint zunehmend als dominant. Die Beteiligten der Bürgerinitiative sind sich 2007 sicher: „Der aktive Protest wird in eine neue Runde gehen.“ Aussage des Kreisbeauftragten: „Wir werden nicht hinnehmen, dass unsere Landschaft zerstört, unsere Lebensqualität beeinträchtigt und unsere wirtschaftlichen Grundlagen beschnitten werden, ohne dass es zu einer Kompensation dieser Belastungen kommt.“ 5

5. Mittel und Techniken der Kommunikation und Konfliktaustragung

Die Planungen des Bundes und der DB werden von der lokalen Presse dargestellt, außerdem wurden die Planungsdokumente im Rathaus ausgelegt. Darüber hinaus fanden einige Bürgerinformationsveranstaltungen statt. Der „Bürgerverein für Umwelt“ hat in Visselhövede einen Sitz mit Treffpunktfunktion und Informationsmöglichkeit. Er präsentiert sich auch über die Internetseite www.y-trasse.de. Es gab in den Jahren 2000/2001 umfangreiche Protestaktionen wie z.B. Lichterketten, Protestmärsche in Hannover, Fahrradtouren, Teilnahme an Stadtfestumzügen, etc. Darüber hinaus erreichte der Bürgerverein zwei Gesprächstermine mit verantwortlichen Ministern.6 Viele Bürger der umgebenden Dörfer und Städte zeigten eine breite Solidarisierung mit den direkt Betroffenen. An vielen Autos und an vielen Einzelhandelsgeschäften prangten die markanten Protestaufkleber.

6. Zeitliche Dynamik

In den 90er Jahren und dem beginnenden 21. Jahrhundert gab es eine ständige Präsenz der Y-Trassen Gegner. Die Solidarisierung unter den Bürgern befand sich auf einer breiten Basis, die nicht zuletzt aus starkem Engagement Verantwortlicher der Bürgervereine resultierte. Die Zusagen lokaler Politiker, die sich im Nachhinein als nicht korrekt erwiesen, führten zu einem Abflachen der öffentlichen Diskussion und der Annahme, die Y-Trasse werde nicht mehr weiter favorisiert. Im Jahr 2006 wurde die Planung für die betroffenen Kreise wieder aufgenommen. Eine sofortige Anschub-Finanzierung der Planung ließ auf eine ernst zu nehmende Realisierungsabsicht des Bundes schließen.

In den letzten eineinhalb Jahren gab es in der Regionalzeitung wiederholt Berichte und Meinungsbekundungen, die der Y-Trasse gegenüber eine kritische Stellung bezogen. Jedoch ist der Tatendrang im Vergleich zum Aktionismus im Jahre 2000 abgeflacht. Im Meinungsbild der Bürger vor Ort breitet sich zunehmend die Annahme aus, dass die Y-Trasse zwingend notwendig ist. Die Argumentationsketten der Befürworter aus der Politik verfehlen ihre Wirkung nicht, das Heraufbeschwören der ökonomischen Verpflichtung und die angebliche Alternativlosigkeit führen zu mehr Akzeptanz oder einem gewissen Fatalismus.

7. Planung und Politik

Die aktuelle Bürgermeisterin ließ das ehemals vorhandene Y-Plakat am Rathaus entfernen. Die Lokalpolitik verfolgt die Forderung nach einer Anbindung der Region an das geplante Schienennetz.7 Die klare Positionierung von Bundestagsabgeordneten und Hinzuziehung von Verkehrsexperten untermauert die Realisierungsabsicht und Notwendigkeit der Y-Trasse weiter. Der Bau der Y-Trasse soll noch vor dem Jahr 2010 beginnen, eine Inbetriebnahme ab etwa 2015 erfolgen. Es herrscht kein Diskurs unter regionalen Planern wie z.B. Architekten, Verkehrsplanern, Landschaftsplanern, Landschaftsarchitekten oder Ökologen, die die Diskussion mit weiteren Alternativen oder einer breiteren Diskussion unterstützen könnten.

Marius Marquardt

1 http://www.y-trasse.de/genehmig.htm (18.02.2008)

2 Kain, Florian. Erfolg für Gedaschko: Y-Trasse kommt doch. Hamburger Abendblatt. Hamburg: 20.April 2007.

3 Lokalmeldungen. Steht Niedersachsen vor Verkehrskollaps?. Walsroder Zeitung. Walsrode: 05.10.2007.

4 Lokalmeldungen. In vier Jahren Baubeginn der Y-Trasse?. Walsroder Zeitung. Walsrode: 02.09.2007.

5 Lokalmeldungen. Heidebahn-Ausbau schon wieder in Gefahr?. Walsroder Zeitung. Walsrode: 03.07.2007.

6 http://www.y-trasse.de/plakate1.htm (18.02.2008)

7 Lokalmeldungen. Kehrtwende im Walsroder Rathaus?. Walsroder Zeitung. Walsrode: 15.06.2007.

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