Die Landschaft neu ordnen – eine göttliche Aufgabe

Der Bootgott vom Seesportclub. Ein Film von Robert Bramkamp

Buch, Regie und Schnitt: Robert Bramkamp

Mit Steffen Scheumann, Jörg und Hanne Wenke und dem Seesportclub Wendisch-Rietz,

2006

Die Idee klingt absurd: Der mesopotamische Schöpfergott ENKI, einst schlangengleich aus dem Wasser gestiegen und die erste Hochzivilisation stiftend, erlebt eine Reinkarnation für einen zweiten Wirkungszyklus. In Gestalt der arbeitslosen ABM-Kraft Steffen Enkert taucht er in Wendisch Rietz am Scharmützelsee aus dem Wasser. Wie einst im Zweistromland soll er den Abschied von der gegeben Natur durch Arbeitsteilung im Mythos ermöglichen. Wie damals geschieht dies durch die Verleihung von 100 ME – Begabungen, Berufungen, Fähigkeiten. Die Ausgangslage ist indes eine andere – ENKI muss sich den Dingen von unten nähern und durch die Komik einer unklaren mythischen und arbeitsrechtlichen Situation den Weg zur zivilisatorischen Tat bahnen. Sein Auftrag ist es, der depressiven und ratlosen Lebenskultur einer ostdeutschen Provinz durch den Rückgriff auf eine Urgottheit wieder zivilisatorische Würde zu verleihen. Darin ist Komik und Ernst angelegt, Scheitern und Gelingen. Und es ist die richtige Frage als Erwiderung auf eine provinzielle Welt voller vermeintlicher Antworten.

Die Grundidee wird plausibel vermittelt. Schon das erste Gespräch über „das ME, die richtige Farbe zu wählen“, funktioniert deswegen trotz einer gewissen Unbeholfenheit im Gespräch zwischen Gott und Anstreicherin. Auch das Reparieren, Säubern und Instandsetzen im alten Bootsschuppen wird als eine Tätigkeit anthropologischer Schwere bewusst.

Dass eine solche Idee nur als Kunst funktioniert, zeigt den unersetzlichen Wert von Kunst in Auseinandersetzung mit Landschaft. ENKI oszilliert zwischen einem einfach nur eigenartigen Menschen und einer den Umständen entsprechend merkwürdigen Gottheit. Die Menschen müssen sich im Zweifelsfall mit der Unangepasstheit eines eigenartigen Menschen als Inspiration und Stimulans zu frischem Leben begnügen. Wenn sie die Toleranz aufbringen, so einen Menschen aufzunehmen, ist es immerhin schon viel. Aber wer weiß, vielleicht ist er doch göttlich?

Die Gegend für die Geschichte ist klug gewählt. Wasser als Lebenselement, Schilf, Bootssport bieten Assoziationsräume für einen neuen Balanceakt von Natur und Kultur in einer alten Kulturlandschaft, die sich neu erfinden muss. Auch die Abwesenheit von klassischer Lohnarbeit charakterisiert die Region und die historische Situation. Aus dieser Abwesenheit heraus wird auf einmal Arbeit neu erfunden: Aufräumen, Reparieren etc.

Das Projekt kommt ins Straucheln, wo sich ENKI wirklich an die Arbeit macht. Denn die Verleihung der MEs ist daran gekoppelt, den richtigen Ort und den richtigen Partner zu finden. Beides macht genau die Schwierigkeit aus. Wenn man es versucht – und sei es auch nur im künstlerischen Als-ob – muss man die Orte und die Menschen ernst nehmen. Das heißt nicht, dass es nicht mehr komisch sein darf, aber es ist eine Kompromisslosigkeit im Urteil nötig. An der Aufgabe, den richtigen Ort und den richtigen Partner in der Landschaft zu finden, entzünden sich Scheitern und Gelingen, Niederlage und Utopie, Komik und Tragik.

Den richtigen Ort zu finden, verlangt Raumsensibilität. Die letzten Jahrzehnte in der deutschen Landschaftsentwicklung sind vom weit gehenden Verzicht auf Raumsensibilität gekennzeichnet. Wir haben heute sehr aufwändige Planungsverfahren, um einen Ort zu gestalten, aber keine Sensibilität, keine Vorsicht in seiner Wahrnehmung und Berührung. Dazu gehören: historische Kenntnis (was ist hier früher geschehen, wer hat hier die Landschaft geprägt, welche Nutzer haben ihre Spuren hinterlassen), ästhetisch-energetisches Vermögen (welche Dimensionen hat der Raum, wie klingt es hier, was fehlt, was stört, wohin wird das Auge gelenkt) und ein Blick für Dynamik und Potenziale (was ist hier möglich, welche Nutzungen, Elemente, Strukturen sind aus der Raumsituation heraus plausibel abzuleiten). Wenn ENKI die Orte für die MEs sucht, muss er sich um diese Fragen kümmern. Er muss scheitern und Erfolg haben. Er muss sich auf den Raum einlassen und darf ihn nicht nur stellvertretend benutzen.

Das macht natürlich eine irrsinnige Arbeit. Denn in einer Kultur ohne Raumsensibilität, in der es nicht mehr üblich ist, sich zu fragen, was an einem Ort geht und was nicht, muss man das alles neu und von vorn herausfinden. Mit der Größe des Raumbezuges nimmt der Aufwand exponentiell zu. Was man im eigenen 2000-Quadratmeter-Garten innerhalb eines Jahres herauskriegt, dafür braucht man in einer ganzen Landschaft vielleicht ein Leben. Aber man kann es exemplarisch vorführen und das hat der Film leider versäumt – sowohl im Gelingen als auch im Scheitern.

Die richtigen Partner zu finden, ist dagegen keine archäologische oder meditative Aufgabe. Es verlangt eher die Interaktion, das Spiel miteinander, das den-anderen-für-etwas-gewinnen. Das ist ansatzweise in dem Film gelungen: mit einem kleinen Jungen, mit einigen Frauen, mit dem Chef des Sportclubs. Leider bleibt es zu unverbindlich. Das liegt einerseits daran, dass die Hauptfigur, der Gott ENKI, zu wenig Spielraum erhalten hat. Andererseits hat es damit zu tun, dass die Partner nicht hinreichend an die Komplexität des Raumes gebunden werden. Denn es reicht ja nicht, gute Freunde am Scharmützelsee zu finden, sie müssen genau dort eine Zivilisation neu erfinden. Der Ort ist nicht austauschbar, das macht seine mythische Qualität aus. Weil dieser Umstand nicht ernst genug genommen wird, hängen die Figuren in der Luft und auch die Übertragbarkeit der MEs bleibt eine Behauptung. Ein ME der Geschwindigkeit mag für unsere Zivilisation unerlässlich sein. Aber wem und wo soll es übergeben werden, wem mag man es anvertrauen? Eine fast unlösbare Aufgabe, deren Schwere man zumindest spüren sollte. Man muss die Orte aufschließen, an denen die MEs wirklich eine Chance haben und sich nicht verflüchtigen. Und man muss von den Menschen sprechen, denen man sie übergeben hat. Beides darf nicht leichthin erfolgen. Man darf die MEs nicht beliebig vergeben, als sei es nichts.

Ein Gott würde die richtigen Orte und die richtigen Partner ohne Anstrengung und Arbeit finden, weil er ein Gott ist. Aber diesen Nachweis kann ENKI unmöglich im Stand-up erbringen. Es sei denn, alles ist durch ein über Jahre entwickeltes Drehbuch schon vorgedacht.

Ein Mensch muss sich mühen. Zivilisation heißt für einen Menschen: Arbeit am konkreten Ort.

Es ist das Privileg eines Kunstprojektes, dass es in dieser Hinsicht mit beiden Möglichkeiten spielen kann: göttliche Intuition und menschliche Arbeit. Aus diesem Spannungsfeld sollte das ENKI-Projekt weiter geführt werden.

Es gibt eine interaktive Webseite, die zum Mitmachen einlädt: http://www.enki100.net

Kenneth Anders

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