Knut Hamsun: August Weltumsegler (1930)

Eine norwegische Bucht mit einer kleinen Siedlung – ein paar Fischer, ein paar Bauern, ein Kramladen. Die Jahre gehen nicht schlecht, immer wieder sind Heringsschwärme in die Netze gegangen. Da kommt August heim: ein schillernder Seefahrer, der die ganze Welt gesehen hat – zumindest behauptet er das.

August ist ein selbstloser Lügner, ein umtriebiger Kerl, der eine Idee nach der nächsten ins Dorf schleift. Er will modernisieren, die Bucht voranbringen. Die Leute hier, die nichts wagen und sich nicht für das interessieren, was die Welt bewegt, sind seine Herausforderung. Schlitzohrig und gemeinnützig balanciert er sich und seine Nachbarn über Abgründe.

Es müsse ein Postamt her, also wird das zuständige Amt mit Unterschriftenlisten agitiert, viele der Unterzeichnenden sind bereits tot. Der Coup gelingt, das Örtchen bekommt ein Postamt.

Dann soll ein großes Netzgerät gekauft werden, damit mehr Heringe gefangen werden können. Keiner hat das Geld, August legt es aus, obwohl er auch selbst keins hat, aber ein Versicherungstrick hilft ihm aus der Klemme.

Dann fängt August an zu bauen – ein Haus für sich, das gleich darauf an einen Fischer verkauft wird, also noch ein zweites, das wiederum sofort seinen Käufer findet. Bald stellt sich heraus, dass August die Bautätigkeit im Ort gezielt anheizt. Bauer Karolus verkauft sein Land an die neuen Siedler, am Anfang besitzt er das meiste Land von allen, zuletzt bleibt nur noch eine kleine Wiese zurück.

Wenn viele Menschen etwas bauen und bewegen sollen, brauchen sie Geld. Es ist kein Geld da, also gründet August eine Bank. Durch einen Bluff gelingt es ihm, dass einige Einwohner Aktien an dieser Bank kaufen. Ein Tresor wird gekauft. Aber das Stammkapital wird für abenteuerliche Bürgschaften aufs Spiel gesetzt – es soll sich ja etwas bewegen in der Bucht: Eine Heringsmehlfabrik, Tabakanbau (damals eine Sensation), Weihnachtsbaumplantagen. August steht nie still, immer hat er eine neue Vision, die er rücksichtslos verfolgt.

Aber es gibt auch Zweifler. Bauer Ezra ist so einer. Er hat fast so viel Land wie Karolus am Anfang besessen hatte, und er verkauft keinen Flecken davon. August agitiert ihn, aber Ezra bleibt hart:

„Hier gibt es nicht genug zu leben für so viele Menschen, August! … Es gibt nicht einen Menschen auf der ganzen Welt, der von Banken und Industrie lebt. Nicht einen einzigen Menschen auf der Welt.

So. Wovon leben sie dann?

Von drei Dingen und nichts weiter, erwiderte Ezra: von dem Getreide auf dem Acker, von den Fischen im Meer und von den Tieren und Vögeln im Wald. Von diesen drei Dingen. Ich habe darüber nachgedacht.

Es gibt immerhin eine ganze Menge Menschen, die von Geld leben –

Nein, sagte Ezra, nicht eine Seele!“

Der Konflikt zwischen der agrarischen und der industriellen Welt wird in der Bucht auf Schwindel erregende Höhen getrieben. Die Bucht erleidet bald einen schweren Rückschlag, die Heringe bleiben aus und der Hunger hält Einzug. Das Scheitern der Bank erinnert in der naiven Wahrnehmung der Buch führenden Kramladenhändlerin verblüffend an die aktuelle amerikanische Bankenkrise. Die Heringsmehlfabrik endet als Investruine. Bauer Karolus, einst der reichste Mann im Dorf, muss von der Gemeinde eine Unterstützung annehmen.

August ist die Moderne in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit – allerdings ohne jede Habgier. Seine Offenheit, Neugier und Leidenschaft lassen ihn trotz seines lächerlichen Gebarens leuchten. Seine Gegner im Ort füllen das ganze Spektrum von vormoderner Borniertheit bis zu erdverbundener Weisheit. Das Gleichnis der beiden Epochen im Streit wird von Hamsun geschickt in die Schicksale seiner Protagonisten gewebt.

Und alles scheint ganz aktuell – bis zur Verstörung, die jeder kennt, der seine scheinbar schlichte Vergangenheit der absurden Gegenwart gegenüberstellt.

„Erinnerst du dich, großer Bruder, wie wir klein waren und die Muter hereinkam und erzählte, dass eine Kuh gekalbt habe, wie froh wir da waren? … Aber jetzt ist es gerade so, als wäre es gar keine besondere Sache mehr, dass eine Kuh kalbt. Ich weiß nicht, da ist irgendetwas nicht mehr richtig.“

Und doch scheint es am Ende ein Patt zu geben. Oder siegt gar die einfache Vernunft der Händlerin im Kramladen?

Kenneth Anders

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