Fürstlich Drehna – Rennstrecke oder Standesherrschaft?

1. Zeitraum: ca. 1990-2000

2. Objekt/Thema: Die Ortschaft Fürstlich Drehna, zu DDR- Zeiten nur als „Drehna“ bezeichnet, befand sich nach der 1989er Wende durch ihre Lage im Niederlausitzer Braunkohlerevier in einem massiven Leitbildkonflikt. Am hiesigen Landschaftspark, einem ehemals standesherrschaftliche Besitz im Zentrum des Ortes, wurde in den letzten Jahren stellvertretend verhandelt und ausgekämpft, welche Entwicklung der Ort zukünftig verfolgen solle. Die traditionellen gutsherrlichen Strukturen waren zerfallen, stattdessen hatte seit dem Krieg eine erfolgreiche Schar von Motocross-Enthusiasten der Ortschaft ein neues Gepräge gegeben. Mit dem Ende der DDR und der Einstellung des Tagebaubetriebes war die Perspektive Drehnas plötzlich wieder offen. Aufgrund der neuen Möglichkeiten trafen die verschiedenen Interessen nun erheblich härter aufeinander als dies in der Vorwendezeit denkbar gewesen wäre.

Blick auf das Wasserschloss Fürstlich Drehna aus dem Landschaftspark, Sommer 2004

Die Rennstrecke in der Bergbaufolgelandschaft bei Fürstlich Drehna

3. Die maßgeblichen Beteiligten sind zwei Vereine und ein Planungsbüro

a) Der Heimatverein Fürstlich Drehna, hervorgegangen aus dem 1983 gegründeten „Parkaktiv“ zur Rettung des Landschaftsparks am Schloss Fürstlich Drehna. Dieser Park war doppelt bedroht – zunächst durch seine soziokulturelle Entwertung, schließlich durch die Braunkohleförderung.

In der DDR-Zeit gab es keinen kulturellen Kontext für seine adäquate Nutzung mehr, das Schloss selbst war auf verschiedene Weise, zuletzt als Jugendwerkhof genutzt worden, dadurch war der “Kern” der Anlage vom Park abgetrennt. Sukzessive drangen andere Nutzungen ein – dies betraf unter anderem die erste Motorsportveranstaltung in Drehna nach dem Krieg, die im Rahmen eines Volksfestes im Park ausgetragen wurde. Zudem kam es im Späteren zur Fledderei im Park, es wurden Brennholz, Weihnachtsbäume und Gartenpflanzen entnommen, nach und nach wurden die Wege mit Autos befahren etc.

Dieser Abwärtstrend wurde durch die Braunkohleförderung massiv beschleunigt, der durch den Tagebau Schlabendorf Süd die Hälfte der Parkfläche zum Opfer fiel, insbesondere der für das Gesamtbild wichtige Ziegelteich.

Unter diesen Bedingungen setzte sich das Parkaktiv in den achtziger Jahren für den Erhalt der Reste der Anlage ein und suchte dafür Verbündete in der politischen Ebene sowie bei der LAUBAG.

Die achtköpfige Gruppe widmete sich zunächst der Sicherung der Anlage: es wurden ein Zaun gezogen, Wege instand gesetzt, Parkbänke erneuert. Wichtig war vor allem die Wiederherstellung des erforderlichen Wasserhaushalts für die Baumbestände. Wegen des abgesenkten Grundwassers mobilisierte das Aktiv große Energien für die Installation und den Betrieb einer Beregnungsanlage, damit die Bäume nicht eingingen. Diese Bemühungen waren von Erfolg gekrönt – im Gegensatz etwa zum Schlabendorfer und Zinnitzer Park am selben Tagebau, dessen Bäume größtenteils durch die Grundwasserabsenkungen abstarben.

Die zentralen Akteure der Gruppe arbeiteten selbst in der Kohle und waren dort im Rationalisierungsbau, als Schlosser für Schienenfahrzeuge und als Bauleiter im Tagebau tätig. Durch dieses Involviertsein nahm die Auseinandersetzung um das Schicksal des Landschaftsparks nie Züge einer Systemauseinandersetzung an. Dieselben Personen, die sich hier um die Erhaltung des Schlossparks kümmerten, verantworteten an anderer Stelle starke Eingriffe in die Landschaft. “Wir sind immer davon ausgegangen, dass wir hier wohnen bleiben und dass die Gegend auch nach dem Kohleabbau bewohnbar sein muss.”

Nach 1989 gründete man einen Verein, um die eingeworbenen Fördergelder verwalten zu können. Für den Schlossteich suchte und fand man einen neuen Standort – die Wiederherstellung eines solchen Teichs in der Größe von 3,6 ha gilt heute als eines der Highlights der Sanierungstätigkeit der LMBV. Zeitgleich wurde erweitert. 12 ha der heutigen Parkfläche sind Bergbaufolgeland – neu bepflanzt und an das Wegenetz angeschlossen. Fachliche Unterstützung gewährte der Cottbuser Landschaftsplaner und -architekt Helmut Rippl, der sich insbesondere um die Gestaltung der Rückgabeflächen des Bergbaues für den Park kümmerte und damit wieder eine Komplettierung der Gesamtanlage sowie der den schroffen Gegensatzes zur Bergbaufolgelandschaft abbaute.

Im Ort dominiert eine konservative Sicht auf den Park. “Die alten sagen, früher war es schöner hier.” Menschen von außerhalb dagegen sind in der Lage, den besonderen Reiz wahrzunehmen, der sich aus dem Kontrast zur Bergbaufolgelandschaft ergibt. Der Verein führt Parkführungen durch und weist an vielen Orten auf die Geschichte des Parks hin. Die ehemalige Abbaukante wird dabei immer besonders gewürdigt.

b) Der Motorsportclub Fürstlich Drehna.

Der MSC geht auf eine Motorsporttradition im Ort zurück, die in den fünfziger Jahren von Ernst Wolff sen. begründet wurde. Damals war der Motorsport sehr attraktiv und zog ein breites Publikum an. Es wurden auch die o.g. Rennen im Schlosspark Fürstlich Drehna veranstaltet. Bald errichtete man am Dorfrand eine Rennstrecke, die auch heute noch in Betrieb ist und das Erscheinungsbild von Fürstlich Drehna maßgeblich prägt, da sie am Mühlberg liegt und der Blick auf das dahinter liegende Dorf von der Straße aus verstellt wird. Hier finden bis heute jährliche Rennen statt.

Die Aktivitäten der Motorsportler verdichteten sich derart, dass 1973 der Motorsportclub Fürstlich Drehna gegründet wurde. Er hat heute 35 Mitglieder, davon fünfzehn aktive Fahrer, die zum Teil aus dem Ort und der Umgegend kommen (Crinitz, Klein Meßow, Übigau) zum Teil aber auch aus der ganzen Niederlausitz stammen (Finsterwalde, Doberlugk-Kirchhain, Kolkwitz, Cottbus).

Ein großer Teil der Aktivitäten des Sportklubs ist mit der Familie Wolff verbunden. Der Vater des jetzigen stellvertretenden Vereinsvorsitzenden Torsten Wolf, Ernst Wolff jun., zu DDR-Zeiten selbständiger Fuhrunternehmer, setzte die Aktivitäten seines Vaters bereits in den Siebzigern fort und wurde 13mal DDR-Meister. Auch Torsten Wolff ist vielfacher DDR-Meister. Hunderte Pokale in seinem Büro sind samt und sonders von ihm persönlich errungen. Wolffs Sohn Toni, geb. 1986, ist auch bereits in den Sport eingestiegen.

Ab 1990/91 ging der MSC dazu über, deutsche Meisterschaften und internationale Rennen auszurichten. Für das Jahr 2000 bewarb man sich um die Ausrichtung einer Weltmeisterschaft. “Es hat eigentlich keiner damit gerechnet, aber plötzlich hatten wir sie.” Ein ganzes Jahr investierten die Mitglieder des Clubs in die Vorbereitung der WM, Sponsoren aus der ganzen Niederlausitz wurden geworben. Um die WM zu einem familientauglichen Ereignis zu machen, wurde ein Volksfest mit einem Schaustellerpark (samt Riesenrad) herangeholt. Ein weiterer Höhepunkt waren Fahrten mit Heißluftballons.

Beide Vereine erlebten also in den Neunziger Jahren einen Aufschwung und trugen ihren Konflikt um die Entwicklung des Ortes mit hohem Selbstbewusstsein aus. Ihre Konfrontation schlägt sich sogar im Ortszentrum nieder – direkt gegenüber dem Wasserschloss befindet sich ein YAMAHA-Motorsportgeschäft.

c) Das Berliner Planungsbüro Plan B (Erläuterung unten)

4. Argumente und Werte:

Die Vertreter des Heimatvereins sahen in erster Linie die Chancen, die dem Ort aus dem intakten städtebaulichen Ensemble erwuchsen, das nicht nur durch Schloss und Park, sondern auch durch die gesamte Ortsbebauung gebildet wird. In Anbetracht der vergleichsweise vitalen kleingewerblichen Struktur im Ort erwarteten sie eine touristische Bilderbruchkarriere des Ortes.

Die Vertreter des Motorsportclubs sahen die deutliche Prägung des Ortes durch den Motorsport in den letzten Jahrzehnten vor Augen. Der Sport war Teil einer von vielen Bürgern geteilten Lebenskultur geworden und konnte zudem auch auf regionale und überregionale Aufmerksamkeit verweisen.

Die Inwertsetzung des gut erhaltenen Renaissanceflairs schien aus der Sicht der beteiligten Kontrahenten unverträglich mit dem lauten und staubigen Motorsport zu sein. Die Bürger des Ortes sahen sich in einer Entscheidungssituation.

5. Mittel und Techniken zur Konfliktaustragung und Kommunikation: In erster Linie wurde der Konflikt im Ort selbst kommunalpolitisch und persönlich ausgetragen. Die jeweiligen Bürgermeister gehörten entweder dem einen oder dem anderen Lager an. Die Konflikte, die sich in den 90er Jahren im Spannungsfeld der ehrgeizigen Pläne des Vereins entwickelten, waren Kräfte zehrend, zumal sie ohne zivilgesellschaftliche Erfahrung zwischen den Menschen stattfanden. Noch heute wird in Fürstlich Drehna ungern über diese Zeit gesprochen.

6. zeitliche Dynamik: In den Neunziger Jahren polarisierte sich der Konflikt immer stärker. Eine herausragende Rolle hierbei spielte ein Berliner Planungsbüro. Die Planer, so berichten die Mitglieder des Heimatvereins heute, „haben uns erst mal klargemacht, welch gute Situation wir hier haben, die verkehrsgünstige Lage an der Autobahn, unweit Berlins und Dresdens, das ganze Dorfensemble, das Schloss, der Park.” Der Park sollte dementsprechend als Ausflugsziel entwickelt werden. Schon 1991 bekam man den Beinamen “Fürstlich” zurück, der Anfang schien viel versprechend. Zugleich initiierte die Planungsgesellschaft, die mit 13 Einzelverträgen an die Gemeinde gebunden war, einen übergreifenden Planungsverband “Lausitzer Grenzwall”, in den die anderen Dörfer einbezogen waren – damals träumte man noch von einem Amt, dass sich aus den Anliegern der Bergbaufolgelandschaft zusammensetze.

Ein Heimatvereinsmitglied schätzt heute ein, dass er und seine Mitstreiter es damals wahrscheinlich auch etwas übertrieben hätten, etwa, wenn es um den Umgang mit der historischen Bausubstanz, um Fenstermaße, Dächer und Fassadengestaltung ging. Dadurch machte sich der Verein auch bei jenen Feinde, die mit dem Motorsport kaum etwas zu tun hatten.

Inzwischen hat der Konflikt haben seinen unversöhnlichen Charakter verloren. Verantwortlich dafür sind drei Gründe:

- Der Motocrossclub hat 13,5 ha Kippenfläche als Trainingsparcour in größerem Abstand zum Ort erworben und sich mit den anderen Bürgern im Ort auf zwei größere Veranstaltungen im Jahr geeinigt, die auf dem traditionellen Mühlenberg stattfinden dürfen.

- Das engagierte Planungsbüro wurde nicht mehr weiter beschäftigt.

- Der Heimatverein ist durch die Reprivatisierung des Schlosses selbst gewissermaßen marginalisiert worden.

7. Planung und Politik
Während o.g. Planungsbüro sehr aktiv in dem Konflikt Partei ergriff, sind aus der Politik keine langfristigen Hilfen zur Nutzung oder Entwicklung des Konflikts erwachsen. Die Berliner Planungsgesellschaft ist nicht mehr im Boot, aus der Arbeit in Fürstlich Drehna musste sie aussteigen, weil die Brandenburgische Schlösser GmbH beim Kauf des Schlossensembles darauf beharrte “sich ihre Partner selbst auszusuchen”.

Trotzdem kann man heute sagen, dass dieser für die Landschaft der Schlabendorfer Felder herausragende Konflikt auf eine hohe Selbstorganisation der Anwohner schließen lässt und zu einer erheblich besseren soziokulturellen Situation in Fürstlich Drehna geführt hat als die vergleichsweise sanften Diskurse in vielen anderen Ortschaften dieser Region. Die Mittel aus der Braunkohlesanierung sind hier sicher angelegt und für alle Investitionen gibt es zuverlässige Träger. Wenige Orte an Tagebaurestlöchern haben die Chancen aus der Sanierung in der Nachwendezeit so effektiv genutzt wie das kleine und über zehn Jahre erbittert streitende Fürstlich Drehna.

Kenneth Anders

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