Artikel-Schlagworte: „Landschaftskommunikation“

Und was wird aus dem Land?

Dienstag, 26. Oktober 2010

Zum Strategiepapier “Vision 2050″ des WBCSD (World Business Council for Sustainable Development)

Die Studie „Vision 2050“ blendet die zentrale Herausforderung für die Schaffung nachhaltiger Strukturen aus, um ihren unternehmerischen Mut nicht zu bremsen

von Kenneth Anders

Eine neue Agenda für Unternehmen muss in erster Linie auf unternehmerische Spielräume gerichtet sein. Diesem Anspruch wird das Papier in gewisser Weise gerecht. Es will Mut und Lust machen, sich den Herausforderungen zu stellen, die durch Bevölkerungswachstum und Ressourcenknappheit auf die Menschheit als Ganze zukommen – und somit auch auf jene, die etwas unternehmen wollen.
Die damit verbundenen Konflikte werden dagegen nur allgemein als ein schwerer Abschied von altem Denken beschrieben. Einen systemischen Änderungsbedarf will das Papier in Kernfragen einer nachhaltigen Strategie nicht anerkennen, vielmehr verlässt man sich voll und ganz auf den technologischen Fortschritt und überlässt die offenen Fragen einer Neuordnung der politischen Steuerung. Das mag bei den neuen Chancen der Wasseraufbereitung, der Informationstechnologie oder der Abfallwirtschaft berechtigt sein, obwohl man schon bei Formulierungen wie „weltweite Verfügbarkeit klimaschonender Mobilität“ einmal nachfragen sollte, ob hier wirklich an normative Kompromisse oder nicht doch eher an die Quadratur des Kreises gedacht worden ist. Bei den klassischen primären Landnutzungen wie Land- und Forstwirtschaft ist es dagegen blind und entspricht dem allerorten viel zu wohlfeilen Optimismus bei der Erstellung von Best-Case-Szenarien globaler Entwicklung.
Die Autoren gehen davon aus, dass die demografischen Prozesse der Gegenwart ungehindert anhalten, was zu einer weiteren Landflucht sowie der Konzentration der Menschen in Städten führen würde. Darin sind sie sich mit den meisten Wissenschaftlern und Politikern einig. Von dieser Annahme wird abgeleitet, dass die Herausforderung der Nachhaltigkeit folglich auch eine vornehmlich urbane Aufgabe ist. Die angedeuteten Lösungen folgen dieser Logik: Verdopplung der Bioproduktivität, Deckung des steigenden Bedarfs an Fleisch und Fisch, im Umkehrschluss Ausweisung ungenutzter Schutzgebiete für die Biodiversität.
Das entsprechende Szenario blendet die zivilgesellschaftliche Dimension der von der Abwanderung betroffenen Räume konsequent aus. Von Stadt-Land-Partnerschaften ist keine Rede, wahrscheinlich deshalb, weil sich in den Augen der Autoren das Land als eigenständig beschreibbarer Siedlungsraum überhaupt auflöst. Entlegen wirtschaftende Landwirte müssten lediglich mit Wissen, neuer Technologie und den richtigen Anreizen versorgt werden, um ihre Aufgaben pro Nachhaltigkeit erfüllen zu können. Diese Vorstellung ist irrig.
Ländliche Räume, in denen es keine funktionierende Zivilgesellschaft mehr gibt und in denen entsprechende kulturlandschaftliche Diskurse fehlen, entwickeln sich zu Betriebsflächen, auf denen ein spezialisierter Unternehmenszweck unter Rationalisierungsdruck realisiert wird. Das gilt für Afrika wie für Brandenburg. Die gegenwärtige Ausdifferenzierung multifunktionaler Landschaften in Agrarzonen, Tourismusgebiete, Industrieflächen, neue Wildnisse und Wohnareale weist längst in diese Richtung. Sie geht mit einer Untergrabung, nicht mit einer Stärkung von Nachhaltigkeitsstandards einher. Die gegenwärtig populäre Annahme in den Umweltwissenschaften sowie in der Umweltpolitik, mit Gesetzen und Anreizen auf der Basis hochaggregierter Datensysteme ließe sich dieser Prozess aufhalten oder steuern, ist eine Illusion. Eine Steuerung im Hinblick auf eine ressourcenbewusste Landnutzung realisiert sich dauerhaft nicht durch Eingriffe von außen, sondern in selbst organisierten Systemen inmitten der Naturräume – und eben deren Herausbildung wäre die vornehmliche Aufgabe einer Nachhaltigkeitsstrategie für die nächsten fünfzig Jahre. Das würde übrigens – nebenbei bemerkt – auch auf die demografische Dynamik, die von den meisten Wissenschaftlern gegenwärtig wie ein Naturgesetz behandelt wird, interessante Auswirkungen haben.
Man kann dieses Problem an der rasanten Entwicklung der industriellen Massentierhaltung verdeutlichen, die von dem Papier an keiner Stelle infrage gestellt wird. Die konzentrierte Mast und Schlachtung tausender Tiere ist nicht nachhaltig – das weiß jeder. Sie erfordert einen viel zu hohen Futtermitteleinsatz aus Monokulturen, verursacht Umweltbelastungen, ist nicht artgerecht und verlangt einen permanenten Einsatz von Medikamenten. Dass sich diese Technologie trotzdem durchgesetzt hat, war nur auf der Basis räumlicher Segregation möglich. Massentierbetriebe sind nicht mehr Teil des menschlichen Habitats sie werden von keiner lokalen Steuerungsebene erreicht. Die Frage, ob die Tierhaltung, wie auch andere Formen der Landwirtschaft und des Handwerks, grundsätzlich nicht industrialisiert werden sollten, erscheint deshalb aus der gegenwärtigen Logik naiv. Sie hat aber nach wie vor ihre Berechtigung. Die weltweite Vernichtung der Böden und ganzer Agrarökosysteme konnte bislang in keiner Weise gestoppt werden, weil die primäre Landnutzung in ein System eingebunden wurde, das vielleicht für die Produktion von Kofferradios taugt, nicht aber für die von Hähnchenfleisch.
Selbstverständlich können auch in der primären Landnutzung zukünftig großartige Fortschritte gelingen, die dabei helfen, die Ernährungslücke einer wachsenden Menschheit zu schließen. Aber ob diese Fortschritte dann auch nachhaltige Nutzungen befördern, wird dort entschieden, wo sie angewandt werden. Die politischen Systeme können entsprechende Rahmenbedingungen setzen, auf die Steuerungsfunktion kulturlandschaftlicher Handlungsräume, in denen sich Kriterien dafür herausbilden, was eigentlich in einer spezifischen Landschaft legitim ist, können sie nicht verzichten.
Ähnliche strukturelle Schwierigkeiten werfen die in der Emphase der „vierten Revolution“ gefeierten neuen Bioenergien auf. Dass in ihnen die Zukunft unseres Energiesystems liegt, steht außer Frage, aber anzunehmen, dass ihre Entwicklung in nachhaltigen Flächenregimes erfolgt, ohne zugleich für vielfältige Partizipationsformen in der regionalen Wertschöpfung ländlicher Räume zu sorgen, ist eine grandiose politische oder ökonomistische Selbstüberschätzung.
Nun würden die Autoren von „Vision 2050“ vielleicht einwenden, es sei ja ein Leichtes, ihr Szenario um entsprechende Strategien zu ergänzen: hier eine Raumplanungsinitiative, dort ein landschaftskommunikativer Diskurs. Dazu ist erstens zu sagen: Dann sollten sie dies auch dringend tun, denn diese Aspekte sind unverzichtbar. Und zweitens ist zu sagen: Wenn die ländlichen Räume als Handlungsräume entwickelt werden, in denen Menschen ein vollwertiges Leben führen, das nicht dem Status eines Montagearbeiters entspricht (und eben dies ist Voraussetzung für ihre nachhaltige Bewirtschaftung), dann sollte man mit den Erwartungen an die Effizienzsteigerung der hier veranstalteten Nutzungen etwas vorsichtiger sein. Denn niemand wohnt gern in einem 20.000 ha großen Genmaisfeld oder am Rand einer nicht enden wollenden Windkraftanlage.